Wollte ich ausführlich erzählen, wo wir nun die nächsten Wochen umher schwärmten, so könnte ich allein davon ein ganzes Buch schreiben, ohne ein Ende zu finden, und dennoch würde ich euch keinen Begriff davon geben können, wie schön es überall war, wie unvergeßlich diese so herrlichen, wonnevollen Tage.
Zuerst machten wir einen kurzen Ausflug nach dem Algäu, dem Lande der üppig grünen Wiesen und des prachtvollen Rindviehes, dessen wunderbar schöne Alpenkette mir aber freilich viel lieber war, als all dies. Immenstadt, Sonthofen und Oberstdorf waren dort die bedeutendsten Orte, von wo aus wir einzelne Streifzüge nach den Bergen unternahmen. Von Immenstadt geht die Eisenbahn nach Lindau und dem Bodensee, eine Schweizerreise aber versprach mir die Tante für ein anderes Mal, jetzt zogen wir nach den Bayrischen Alpen und deren erstem Stationspunkte Füßen. Mit besonderer Vorliebe denke ich an dies Fleckchen schöne Gotteswelt zurück; denn dort nahebei liegt die Perle der ganzen Umgegend, das reizende Hohenschwangau, wo wir uns in dem Wirthshäuschen zur Alpenrose gar zu wohl fühlten, treulich gepflegt von der Wirthin, einer munteren Tyrolerin in ihrer malerischen Nationaltracht, die rothe Rose auf dem spitzen Hut und silberne Ketten am Mieder. Dicht vor der Thür, von prachtvollen Linden überschaut, ist das einladenste Plätzchen bereit; vor uns, blitzend im reinsten Blaugrün, der stille Alp-See, auf dem sich weiße Schwäne wiegten, rings umzogen von saftigem Grün und malerischen Felswänden, über welche hinaus in weiterer Ferne einige Häupter der Alpenkette herüber schauen. Zu verdenken war es dem jungen Bayernkönig wahrlich nicht, daß er hier seiner schönen Königin Marie, welche ohnehin die rüstigste Bergsteigerin ist, ein köstliches kleines Schloß erbaut hat, das einen Blick vergönnt weit hinaus über Berge, Seen und Flachland.
Garmisch und Parthenkirchen, am Fuße des prachtvollen Zugspitz gelegen, waren, wie ich schon erwähnte, ferner die Orte, an denen wir längere Zeit verweilten, und obwohl wir dann noch weitere Touren machten, z. B. nach dem schönen Kochel- und Walchensee, so verweile ich doch nur in jenen malerisch gelegenen Flecken noch einige Augenblicke, da mir dort etwas begegnete, was ich nie wieder vergessen werde, so lang ich lebe.
20.
Ein Abenteuer.
Eingeschlossen von den mächtigen Felswänden des Zugspitz liegt dort still und einsam der friedliche Eibsee zwischen grünen Abhängen und schroffen Felsblöcken aus der Tiefe hervor schimmernd. Sein Wasser ist reich an Fischen; aber nur gering sind die Zahl derer, welche hiervon Vortheil ziehen, denn der See gehörte seit Jahrhunderten den Besitzern jener wenigen Hütten, welche sich an dem Ufer angesiedelt haben. Es ist eine wilde, zigeunerhaft aussehende Klasse von Menschen, diese Fischer des Eibsees; schwarze Augen blitzen uns aus den dunklen schmutzigen Gesichtern entgegen, und wer mit ihnen verkehrt, der sei vorsichtig, sonst wird er betrogen und überlistet, sei es auch nur um einige Kreuzer.
Doch die eigenthümliche Schönheit des Sees lockte die Fremden von allen Seiten herbei, wie unbehaglich auch die Menschen sind, die seine Ufer bewachen. Auch wir besuchten den reizenden Winkel und freuten uns an der großartigen Einsamkeit und Schönheit seiner Lage. Ein starkes, schwarzäugiges Weib mit finsterem Gesicht fuhr uns auf dem Wasser umher, und nur die reichliche Spende, womit die Tante unsere Spazierfahrt bezahlte, konnte ihren grimmigen Zügen ein Lächeln abgewinnen. Der Abend war noch ziemlich fern, als wir den Rückweg nach dem Dorfe Greinau antraten, wo unser Wagen stand. Der Weg dorthin zog sich durch grüne Wiesen und Abhänge und machte zahllose malerische Biegungen, welche reichen Stoff für meine Zeichenmappe gaben; deshalb bat ich die Tante, mit den beiden anderen Damen unserer Begleitung immer voraus zu gehen, während ich zurück blieb, um einige flüchtige Skizzen der Gegend zu zeichnen. Die Tante zögerte, mich allein zurück zu lassen; doch die Sonne stand noch ziemlich hoch am Himmel, der Weg war viel betreten, und so that sie mir endlich den Willen, hieß jedoch den kleinen Buben bei mir zu bleiben, der uns den Weg zeigte. Ich vertiefte mich bald völlig in meine Arbeit; die Bäume hingen so unbeschreiblich malerisch über kleine Felsvorsprünge, lichte Durchblicke lockten in die Ferne, dazwischen tauchte hin und wieder ein spitzer Kirchthurm empor oder das zierliche Dach einer Bauerhütte, ich konnte kein Ende finden, ein Punkt war immer noch schöner als der andere.
Endlich sah ich, daß der Himmel sich röthete; die hellen Wände des Zugspitz leuchteten auf, als wären sie von rothem Golde, die Sonne sank, und es war die höchste Zeit für mich, den Rückweg anzutreten, da die Tante mich gewiß ungeduldig erwartete. Ich suchte meine Sachen zusammen und bemerkte nun erst, wie zwei braune Männer, vom Eibsee herkommend, sich mir näherten. Sie trugen große Stöcke in den Händen, ihr Anzug war zerlumpt und zigeunerhaft, und an dem lichten Abendhimmel hoben sich ihre riesigen Gestalten drohend empor. Ich erschrak und blickte mich ängstlich nach ihnen um, denn mit bangem Herzen dachte ich gleich an allerlei schreckliche Dinge, Raubanfälle, Mißhandlung und wer weiß, was alles, dessen man die Bewohner des Eibsees für fähig erklärte. Der Abend war nahe, mit jeder Minute wurde es dunkler, und diese Männer kamen gerade auf mich zu.
Voll Unruhe rief ich nach dem Knaben, der bis vor Kurzem in meiner Nähe gespielt hatte; aber er war verschwunden, wer weiß ob er nicht gar mit den Männern im Einverständniß handelte. Eine namenlose Angst ergriff mich, ich lief auf dem Wege fort, der nach Greinau führte; aber das Dorf war noch fern und die Männer kamen immer näher. Schon hörte ich ihre Stimmen, sie schienen mir etwas zuzurufen und lachten dazwischen. Wieder blickte ich mich angstvoll nach ihnen um und, o Entsetzen, ich sah deutlich, wie der Eine den Knüttel hob und mir damit drohte. Nun wer es kein Zweifel mehr und meine Furcht nur zu begründet, sie hatten es auf mich abgesehen. Laut schreiend stürzte ich davon, Hügel auf und ab, nichts mehr denkend, als Rettung durch die Flucht. Ich fiel über Geröll und über Baumstümpfe, verlor meinen Schirm und mein Zeichenbuch; es war mir alles gleich, nur vorwärts, vorwärts, ehe mich die Entsetzlichen erreichten, die ich immer hinter mir wußte. Jetzt hörte ich ihre Stimmen so nahe neben mir, daß mir die Sinne fast vergingen vor Angst, und ich mich eben niederwerfen wollte, ihr Mitleid anzuflehen und ihnen alles zu geben, was ich bei mir trug. Aber wie wenig war das, sie würden mich sicher plündern und mißhandeln; Da, im letzten schrecklichen Augenblicke, sah ich eine Gestalt durch die Bäume schimmern. War es einer ihrer Spießgesellen? Heftig rief ich um Hülfe und stürzte vorwärts. Gott sei Dank, es war ein gut gekleideter Herr, ich war gerettet! Mit Todesangst flog ich zu dem Fremden, seinen Schutz anzuflehen, er mochte sein wer er wollte. Aber wer begreift mein Entzücken, als ich meinen Freund Dr. Hausmann vor mir sah! Mit ausgebreiteten Armen stürzte ich ihm entgegen, und ohne recht zu wissen, was ich that, sank ich an seine Brust.
»Retten Sie mich, um Gottes Willen!« rief ich außer mir, dann vergingen mir die Sinne. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Rasen, Dr. Hausmann kniete neben mir. Ich fühlte mich namenlos matt und konnte mich lange nicht besinnen, was geschehen sei. Endlich aber erinnerte ich mich plötzlich an alles, und angstvoll blickte ich um mich.
»Seien Sie außer Sorge, Fräulein Gretchen, es ist nichts mehr zu fürchten,« sprach Dr. Hausmann beruhigend. »Die Männer haben sich einen bösen Scherz mit Ihnen gemacht und Sie scheinbar verfolgt, da sie Ihre Furcht bemerkten. Jetzt sind Sie ganz sicher, denn ich bleibe bei Ihnen.«