Nun erst fiel mir ein, in welcher Weise ich in meiner Angst bei dem Freunde Schutz gesucht hatte. Dunkle Gluth bedeckte mein Gesicht, ich wagte nicht aufzublicken. Dr. Hausmann bemerkte meine Pein und suchte mich davon zu befreien.

»Und Sie wundern sich gar nicht, mich hier zu sehen?« sagte er heiter und setzte sich neben mich in das Gras. »Wußten Sie denn, daß ich Sie aufsuchte?«

»Ich? Nein, wie sollte ich davon wissen?« entgegnete ich, nach Fassung ringend. »Sind Sie denn allein, und wo erfuhren Sie unseren Aufenthalt? Ich wußte nicht, daß Sie auch diese Reise beabsichtigten.«

»Es ist auch ein ganz plötzlicher Entschluß, den ich aber jetzt doppelt segne, da ich Ihnen nützlich sein konnte, Fräulein Gretchen!« sagte Dr. Hausmann und blickte mir so herzlich in die Augen, daß mir wieder alles Blut in die Wangen schoß.

»Bitte, ich möchte zur Tante, sie wird sich um mich sorgen,« flüsterte ich ängstlich und versuchte aufzustehen. Die Knie zitterten mir noch heftig, und so mußte ich mich auf den Arm meines Freundes stützen, so peinlich es mir auch war. Dieser aber plauderte munter fort und erzählte, daß Eduard ihn begleite, den ich bei der Tante in Greinau finden werde, wohin sie Beide geeilt, als sie bei ihrer Ankunft in Parthenkirchen erfahren, wo wir seien.

Das Gehen that mir gut, bald bedurfte ich des Führers nicht mehr, meine Kräfte fanden sich schnell wieder. Ich erzählte nun das Nähere meines Abenteuers und suchte meine Angst zu rechtfertigen. Mit zarter Schonung ging Dr. Hausmann darauf ein, um mir zu zeigen, wie natürlich er meine Bewegung gefunden. Gegen die Tante und Eduard, welche meine Angst übertrieben fanden und mich als ein Hasenherz etwas verhöhnten, vertheidigte er mich dann so entschieden, daß ich ihm aufrichtig dankte, besonders da er über die Art unseres Begegnens sehr leicht fort ging. Sonderbar, sonst beichtete ich meiner guten Tante Ulrike alles, was ich Thörichtes gethan; aber mein Zusammtreffen mit Dr. Hausmann konnte ich ihr unmöglich genau so beschreiben, wie es sich zugetragen, die Worte wollten absolut nicht über meine Lippen. Aber wozu auch? Dr. Hausmann schien gar nicht mehr daran zu denken, so fein und zurückhaltend benahm er sich gegen mich, und das ganze Ereigniß erschien mir endlich selbst wie ein wunderlicher Traum.

In der Gesellschaft unserer neuen Reisegefährten verbrachten wir einige sehr angenehme Wochen und durchstreiften die schönen Berge nach allen Richtungen. Auch Eugeniens Vater kam, wie er versprochen, bald zu uns, und mit ihm reisten wir endlich nach Bayerns schöner Residenz, dem interessanten München. Wie staunte ich über alle die unzähligen Kunstschätze, welche großentheils durch den kunstsinnigen König Ludwig hier geschaffen und aufgesammelt wurden. Zwei Wochen blieben wir in München, und so hatten wir reichlich Muße, uns alles genau zu betrachten: die beiden Pynakotheken, die Glyptothek, Schlösser, Kirchen und was es sonst an Sehenswürdigkeiten gab. Das Allermerkwürdigste blieb mir aber immer die erzene Riesenjungfrau Bavaria auf der Theresienwiese, in deren Kopfe wir so behaglich umherwanderten, als sei es ein Thurmstübchen, und deren Augen die prächtigsten Fensterchen bildeten, durch die wir auf München und die ganze weite Ebene schauten und weiter hinaus, wo die blauen Alpen uns freundliche Abschiedsblicke zuwarfen.

Unseren Heimweg nahmen wir durch Böhmen, um in Teplitz Eugenien und den Baron zu besuchen, von denen Herr von Jagow uns die besten Nachrichten gebracht hatte. Das Bad war dem Baron anfangs zwar nicht gut bekommen, und Eugenie hatte wahrscheinlich all ihre Heiterkeit in Bewegung setzen müssen, um den Leidenden zu zerstreuen, wenigstens konnte der dankbare Gatte uns später davon nicht genug Gutes und Liebes erzählen. Jetzt nach Beendigung der Kur jedoch ging es dem Baron vortrefflich, und die Steifigkeit seines Fußes verringerte sich von Tag zu Tage, so daß wir mit den freudigsten Hoffnungen für völlige Genesung abreisten, und der Herbst uns endlich Alle wieder in dem traulichen Wohnstübchen Tante Ulrike's versammelt sah. Wie schön auch die Reise gewesen, und wie viel Herrliches ich gesehen, hier bei der besten Tante in meiner zweiten Heimath war es doch am allerschönsten, das fühlte ich mit innigem Behagen, als die lieben Räume mich wieder so still und heimlich umgaben.

Aber mit mächtigen Schritten nahte jetzt die Zeit, in welcher ich diesen Räumen Lebewohl sagen sollte. »Für ein Jahr nehme ich dein Gretchen mit mir,« hatte Tante Ulrike zu Papa gesagt, als sie an jenem unvergeßlichen Tage mit mir von Schreibersdorf abreiste, und das zaghafte Kind sich zum ersten Male vom Elternhause trennte. O damals glaubte ich es nimmer aushalten zu können, eine solche Trennung nimmer zu ertragen. Ein Jahr! Welche Ewigkeit für mich, die bis dahin nicht einen Tag von Eltern und Geschwistern getrennt war! Zwölf lange, lange Monate! Und jetzt war mehr als ein Jahr seit jenem Tage vergangen, nicht nur zwölf Monate, sondern noch fünf außerdem, und ich lebte noch, die Trennung hatte mich nicht krank gemacht, mich nicht verzehrt und abgehärmt, wie ich einst glaubte. Nein, im Gegentheil, ich blühte frisch und kräftig in gesunder Jugendfülle, war stärker und vollständiger in der Erscheinung geworden, wenn mein Spiegel mir die Wahrheit sagte, und in der großen Stadt, in dem neuen Kreise, wohin die Tante mich geführt, und vor dem mein ängstlich Herz erzittert hatte, da fühlte ich mich jetzt mit tausend Fäden festgewachsen. So unsäglich ich mich auf die liebe theure Heimath, auf Eltern und Geschwister freute, so überkam mich doch eine grenzenlose Traurigkeit, dachte ich an die Trennung von all' den Lieben in Berlin. Die Tante mit ihrer unaussprechlichen Güte und Milde, ihrer feinen Bildung und ihrem steten Wohlwollen für mich, der ich so namenlos viel dankte, Eugenie, an die mich die herzlichste Schwesterliebe kettete, Marie, die treueste Freundin für das Leben, der Baron, Dr. Hausmann, Eduard, ach und so viele, viele, die mir lieb und theuer geworden, sie Alle ließ ich hier zurück, ich konnte den Gedanken kaum fassen. Und doch, es war nicht anders! Der Tag der Abreise kam wirklich heran und überschüttet von tausend Liebesbeweisen schied ich von allen meinen Lieben. Eugenie und der Baron gaben das Versprechen, mich im Elternhause bald zu besuchen, auch die Tante tröstete mich mit dieser Aussicht, und besonders entzückte mich der Gedanke, meine liebe Marie, wie ich dringend gebeten, bald nach meiner Heimkehr für längere Zeit im Hause meiner Eltern zu sehen.

So schied ich denn leichteren Herzens von der lieben Stätte, wo mir so viel Gutes geworden. Ein reich beschriebenes schönes Blatt hatte der gütige Gott mir in das Buch meines Lebens gefügt, ich konnte Ihm nie innig genug dafür danken!