»Das ist doch aber schrecklich, daß man unter Gottes freiem Himmel nicht einmal zeigen soll, wenn man sich lieb hat!« seufzte ich betreten und ließ den Kopf hängen.

»Ja was das Zeigen der Gefühle betrifft, das ist überhaupt ein ganz besonderes Kapitel!« sagte Marie lachend. »Man muß unter Andern nur gar zu oft seinen Gefühlen Zwang anthun und ein ruhig Gesicht machen, es mag inwendig so fröhlich oder so traurig aussehen, wie es will.«

»Das ist schwer, ich glaube, das werde ich nie lernen!« sagte ich niedergeschlagen. »Aber thu' mir die Liebe, beste Marie, und sag' mir noch einiges, was sich auf der Straße nicht schickt. Es ist alles hier so anders, bei uns brauchte ich mich in keiner Weise zu geniren, denn wenn ich im Dorfe oder auf den Wiesen umher lief, da war alles recht und gut, was ich that, und kein Mensch dachte daran, daß sich allerlei nicht schickte.«

»Nun z. B. sprich nicht so laut auf der Straße, liebes Herz, wie du soeben thust, alle Vorübergehenden sehen uns verwundert und lächelnd nach!« sagte Marie halblaut und drückte meine Hand. »Und dann thu' mir die Liebe und renne und stoße nicht an Jedermann an, der uns begegnet, sondern weiche den Leuten etwas aus!«

»Ja ja, deine chère amie ist ein wundervoller Rüpel!« seufzte ich und ging in weitem Bogen um jeden herum, der mir begegnete. Das war aber wieder nicht recht, denn dieser Circumflex, den ich um die Leute herum beschrieb, fiel ebenso sehr auf, und alles was auffällt, ist nun einmal verboten, das sah ich wohl ein. »Du bist gewiß schrecklich böse auf mich, Marie, denn du mußt dich ja meiner schämen!« erwiderte ich, ärgerlich über mich und alle Welt. »Ich blamire dich zu sehr, wenn ich noch länger mit dir gehe, es ist besser, wir trennen uns. Adieu, auf Wiedersehen, liebes Herz!«

»Aber so sei doch kein Närrchen, Grete!« sagte Marie, mich liebevoll zurück haltend. »Das wäre eine schöne Freundin, die nicht gern die Schwächen der andern ertrüge! Du hast meine Fehler ja auch zu tragen!«

»Ach du hast gar keine Fehler!« rief ich verdrießlich.

»Wie? Ich keine Fehler, Gretchen?« lachte Marie. »Da wäre ich ja ein Wunderkind, und dazu habe ich Gott sei Dank nie große Lust verspürt. Siehst du, da will ich dir gleich einen Fehler deiner allervortrefflichsten Freundin sagen,« fuhr sie lustig fort und hielt ihren Fuß in die Höhe. »Der Anstand erfordert, daß man seine Schuhbänder zu Haus hübsch fest zubindet, damit sie auf der Straße nicht aufgehen und nachschleppen, wie Figura zeigt, und man genöthigt ist in einen Hausflur zu treten, um den Schaden zu repariren.«

Während wir nach Verbesserung dieses kleinen Uebels nach Haus eilten, begegneten uns einige sehr junge fein gekleidete Mädchen, die ihren Schulmappen nach zu urtheilen aus der Stunde kamen. Sie hatten sich gegenseitig untergefaßt und nahmen mehr als die ganze Breite des Trottoirs ein. Als sie nahe zu uns heran kamen, zeigten sie wenig Lust die Kette zu lösen, um uns durchzulassen. Marie schritt jedoch so ruhig und ernst vorwärts, daß die eng Verbündeten es für besser fanden, uns Platz zu machen, wobei sie jedoch kicherten und sich gegenseitig stießen und drängten.

»So ungeschliffen hätte sich die arme dumme Grete nicht einmal benommen, wie diese jungen Kälberchen!« rief ich sehr verwundert, daß junge Residenzdämchen sich so aufführen konnten.