»Ja das ist eine der schönen Schulmädchenmanieren,« entgegnete Marie ärgerlich. »Die jungen Dinger wissen recht gut, daß es nicht passend ist, gassenbreit zu gehen, aber deshalb lassen sie es doch nicht. Wie abscheulich solcher Schulton oft unter den jungen Dämchen ist, davon kannst du dir gar keine Vorstellung machen; man muß gewaltig dagegen ankämpfen, wenn man darunter steckt. Ausnahmen giebt es darunter natürlich wie überall; aber das kann ich dir zum Troste sagen, daß solch echtes Residenzdämchen mit ihrer Ueberbildung und Eitelkeit zehnmal schlimmer dran ist als du, mein liebes Naturkind, selbst wenn du mich alle Tage auf offner Straße umarmtest, und eine ganze Legion junger Gecken herbeikäme, sich das Schauspiel mit anzusehen.«
Ich fiel Marie lachend um den Hals, denn jetzt waren wir zu Haus angekommen, und in Marie's traulichem Stübchen hatte ich keine Rücksichten mehr zu nehmen. Lange saßen wir hier noch plaudernd zusammen, bis die sinkende Sonne mich endlich an den Heimweg mahnte. Da mußte ich fort; denn es war ja auch eine der lästigen Eigenschaften der großen Stadt, daß man Abends nicht allein im Freien umher laufen konnte. Zu Haus wurde es erst recht hübsch, wenn der Abend kam. Wie lustig und harmlos trieb man sich da vor dem Hause und im Dorfe umher, da hatte man keine Anfechtungen zu befürchten, wie hier sogar am hellen Tage, nur weil man seine Gefühle der Welt zeigte. Ja zu Hause!
5.
Mittagessen.
Wie schon beim Frühstück so gab es natürlich auch beim Mittagessen gar viele Dinge, welche ich nicht nach den Regeln des Anstandes verrichtete; denn zu Haus nahm die lärmende kleine Kindergesellschaft alle Aufmerksamkeit der Eltern in Anspruch, und Erhaltung der Ruhe war das erste und einzige Erforderniß bei Tisch, alles Uebrige blieb so ziemlich dem eigenen Gutdünken überlassen.
Die Mittagsmahlzeiten im Hause der Tante vergingen in der Regel ziemlich gleichförmig, dabei aber gemüthlich und heiter, denn die Tante würzte das Mahl durch angenehme Unterhaltung, in welcher ihre Ermahnungen zur Wohlanständigkeit wie große Ausrufungszeichen die gleichmäßige Rede unterbrachen.
»Bediene dich doch deiner Serviette, liebes Kind,« lautete z. B. eins der Gebote in meinem Anstandskatechismus. »Mit der Hand wischt man sich das Gesicht wohl nur da ab, wo keine Servietten wachsen.«
Das war auf deutsch bei den Bauern, ich verstand das wohl, und griff hastig nach dem bis jetzt so arg vernachlässigten Wesen.
»Sieh mal, was du für ein kleiner Gourmand bist!« sagte Tante Ulrike dann wieder neckend. »Schlürfst deine Suppe mit einer Kennermiene, gerade wie ein Feinschmecker seinen Wein. Gewiß willst du heraus schmecken, wie viel Pfund Rindfleisch diese Kraftbrühe hervorbrachten. Auch hast du es dir dabei recht bequem gemacht; essen bei euch die Ellbogen auch mit?«
»O der Thorweg ist zu klein für das mächtige Fuder Heu,« lachte sie ein andermal, wenn ich so große Bissen zum Munde führte, daß ich Mühe hatte, derselben Herr zu werden. Als ich nun gar mit diesem Vorrath zwischen den Zähnen sprechen wollte, legte die Tante energischen Widerspruch ein, denn: »mit vollem Munde redet man nicht.« Ebenso durfte ich weder die Finger auf den Teller, noch das Messer in den Mund führen, worin ich ebenso regellos handelte wie mit der Placirung von Kartoffelschalen und Knochen, die es nie merken wollten, daß ihr Platz nicht auf dem Tischtuche war, sondern auf dem Tellerrande.
»Du könntest dem armen Phylax wohl auch ein Fäserchen Fleisch gönnen, liebe Grete, und nicht selbst die Knochen so gründlich abnagen,« hieß es dann wieder, wenn ich mit jugendlichem Appetit Hühnchen oder Tauben verzehrte und dabei unbarmherzig alle Knochen zerbiß und benagte.