»In den Knochen sitzt das beste Mark, sagt Papa immer,« erwiderte ich eifrig. Als ich jedoch eines Tages mit meinen fettglänzenden Fingern in der Welt umher fuhr, indem ich ein zierliches Hühnerkeulchen zum Munde führte, sagte die Tante lächelnd:

»Mein lieber Schatz, morgen sind wir bei Dunkers zu Tisch, wie du weißt. Sei so gut und nimm dann kein junges Huhn zwischen die Finger; hier bei mir will ich es dir nicht wehren, eigentlich aber löst man das Fleisch mit Messer und Gabel vom Knochen, es schickt sich nicht anders.«

»Ja wohl, liebe Tante,« erwiderte ich überrascht, denn Geflügel hatte ich bisher immer nur mit Hülfe der Finger verzehrt.

Es war das erste Mal, daß ich mit der Tante zu einem Diner ausging, und mir klopfte das Herz, denn ich armer Neuling fürchtete überall, mich zu blamiren. Zum Glück setzte sich Marie neben mich, und so war ich denn im Falle der Noth gedeckt. Mein andrer Nachbar war ein dicker freundlicher Herr, der mir aussah, als bestehe sein größtes Vergnügen in Essen und Trinken. Das war denn allerdings auch wohl der Fall; aber das Behagen, mit dem er nun schlürfte und schmatzte, die unaussprechlich unappetitliche Art und Weise, wie er eben so viel neben seine breiten Lippen als zwischen dieselben führte, und endlich das Schnaufen, das diese gewichtige Arbeit dem dicken Herrn entlockte, verdarben mir selbst alle Eßlust. Ich dachte so recht an die Worte, welche Tante Ulrike mir noch gestern sagte, wie unangenehm es sei, einen Tischnachbar mit schlechten Angewohnheiten zu haben. Heut lernte ich dies Ungemach aus dem Grunde kennen. Freilich waren dergleichen Untugenden einem alten Herrn eher zu verzeihen, als einem jungen Mädchen, das litt keinen Zweifel, und ich begriff nun erst völlig, wie sehr ich selbst auf gute Manieren zu achten habe, um nicht auch Aergerniß zu erregen.

Nach der Suppe wurde ein wunderliches Gericht herum gegeben, das ich noch nie gegessen hatte: es war eine schwärzliche Masse, und seiner körnigen Gestalt nach hielt ich es für eingemachte Beeren. Da ich hiervon eine große Freundin war, und der alte Herr neben mir auch wacker zulangte, so nahm ich mir eine gute Portion auf den Teller und fing an zu schmausen.

Aber wie erschrak ich, als ein salzig schleimiger Geschmack statt des erwarteten süßen meine Zunge berührte! Ich war nicht im Stande, einen zweiten Bissen davon zu verzehren, und betrachtete verwundert meinen Nachbar, der die schwarzen Körner auf geröstete Semmelscheiben strich, sie dann mit Citronensaft beträufelte, und das Ganze alsbald mit größtem Behagen verzehrte.

Eben wollte ich Marie fragen, was das eigentlich für ein Produkt der Kochkunst sei, da wandte der alte Herr sich käuend zu mir, und mit den dicken glänzenden Lippen schmunzelnd sagte er, indem er auf meinen Teller zeigte: »Delicater Caviar! Auch Liebhaberin davon, meine Gnädige?«

Also Caviar war das. Ja, dem Namen nach kannte ich diese edle Gottesgabe wohl, in Person aber hatte sich nie ein Körnchen davon bis zu unserm Dorfe verirrt und war mir deshalb völlig unbekannt.

»O nein, ich ... ich war zerstreut, als ich mir davon nahm,« stotterte ich dunkelroth vor Verlegenheit, meine Unwissenheit thörichter Weise hinter einer Lüge verbergend.

»O, nicht möglich! Versuchen Sie nur einmal, ganz delicat, ich kann es versichern, und ich ... ich verstehe mich etwas darauf, was gut schmeckt,« versicherte der Dicke eifrig, und obwohl ich durchaus von der Wahrheit seiner Behauptung überzeugt war, so lehnte ich die Aufforderung dennoch dankend ab und sah mit großem Ergötzen, welche sehnsüchtigen Blicke mein Nachbar der von mir verschmähten Leckerei zuwarf, wovon der Diener mich endlich befreite.