Einige folgende Gerichte gingen ohne weitere Verlegenheiten vorüber, nur als ich Marien um Salz bat, und ich bei Ueberreichung desselben, wie ich gewohnt war, mit den Fingern in das Salzfaß greifen wollte, fuhr Marie erschrocken zurück und sagte leise: »Mit dem Messer, Gretchen!«

Ich folgte beschämt ihrer Weisung, obwohl ich wirklich sehr verwundert war; denn bis jetzt hatte ich mich immer meiner fünfzackigen Fingergabel zu diesem Geschäfte bedient.

Nun kam der Braten auf den Tisch, wirklich junge Hühner, wie Tante Ulrike gedacht, und ich erinnerte mich zum Glück der ertheilten Ermahnung und versuchte, das Fleisch mit Messer und Gabel abzulösen, statt wie sonst die zarten Knochen mit meinen Zähnen zu bearbeiten. Aber das war ein recht undankbares Geschäft, das Beste blieb dabei an den Knochen sitzen, und mit wahrem Bedauern trennte ich mich von diesen Resten. Die eingemachten Früchte, welche als Compot zu dem Braten gegeben wurden, täuschten mich jetzt nicht wieder, sie waren süß und lecker, wie ich es liebte, und nicht unangenehm salzig wie jener Caviar. Mit einem Behagen, das beinah dem meines eßlustigen Nachbars gleich kam, verzehrte ich diese süßen Erdbeeren, Kirschen und Pflaumen, und freute mich kindisch auf den Genuß der dicken Zuckersauce, in welcher die Früchte auf meinem Glasteller umher schwammen. Da ich diesen Zuckersaft jedoch nicht mit der Gabel verzehren konnte, ein Löffel aber nicht in meinem Bereiche lag, so erhob ich eben den kleinen Teller zu meinen Lippen, um, wie ich zu Haus so oft gethan, die Sauce davon zu schlürfen. Schon schwebte der Teller in der Luft meinem Munde entgegen, da fühlte ich mich plötzlich am Arme erfaßt, und mit einem schnellen Ruck stand der Teller wieder an seinem Platze.

»Um Himmels willen, Grete, bist du nicht klug?« raunte Marie mir dabei in das Ohr. »Die Sauce läßt man auf dem Teller.«

»Auf dem Teller?« rief ich ungläubig und sah mich nach Marie um, welche noch immer meinen Arm festhielt, in der Furcht, ich könnte die Comödie noch einmal aufführen wollen. »Die schöne Zuckersauce ist mir ja das Liebste am Eingemachten, die werde ich doch nicht zurück lassen?«

»Zu Haus thu' was du willst, in Gesellschaft geht es aber nicht anders, ich bitte dich, folge mir, Grete!« flüsterte Marie schnell, denn eben wurde sie von ihrem Nachbar in Anspruch genommen und konnte sich um mich nicht mehr bekümmern. Da saß ich denn nun betrübt meiner schönen Fruchtsauce gegenüber, die ich nicht essen durfte, und ärgerte mich recht aus Herzensgrunde über die sonderbaren Gesetze des Anstandes, welche mir erst geboten, das Fleisch an den Knochen sitzen zu lassen und jetzt gar das Beste vom ganzen Diner aufzuopfern.

»Was würde Mama zu dieser Verschwendung sagen,« dachte ich ärgerlich, wurde da aber gewaltsam aus meinem Sinnen gerissen, indem ich erschrocken vom Stuhle auffuhr und um mich blickte, wer denn geschossen habe. Mein alter Nachbar lachte herzlich über meinen Schreck, und bald sah ich, daß nur ein Champagnerpfropfen geknallt hatte, aber auch das hatte ich bis jetzt so selten gehört, daß mir dieser Ton sehr neu war. Und nun gar das Getränk selbst! Ich hatte es kaum einmal zu Haus gekostet, wenn Kindtaufen waren, nun stand ein hohes volles Glas davon vor mir, und lustig tanzten zahllose kleine Perlen aus der Spitze desselben empor.

Der Geschmack dieses Weines behagte mir aber ganz außerordentlich. Dieses Prickeln auf der Zunge, dieses Feuer, diese Süßigkeit, ohne weichlich zu sein, alles trug dazu bei, den Wohlgeschmack zu erhöhen, und jetzt ließ ich sogar mein Glas Ananaskardinal stehen, der mir so gut geschmeckt hatte, und trank lieber diesen köstlichen Champagner. Mein dicker Nachbar verstand es freilich noch besser als ich, aber er ergötzte sich so sehr an dem Wohlgefallen, das ich an dem Weine hatte, daß er mir ein Glas nach dem andern einschenkte. Bald glühten meine Backen, und es flimmerte mir vor den Augen; aber ich achtete nicht sehr darauf, bis ich endlich mit einem Male so verwirrt umher blickte, daß Marie mich ängstlich ansah und sagte:

»Bist du unwohl, Gretchen? Oder was ist dir?«

»Ich bin so confus, es dreht sich ja Alles,« rief ich leise und griff nach Marie's Hand, um mich an ihr festzuhalten.