»Hast du Champagner getrunken? Er ist sehr stark, nimm dich in Acht!« sagte Marie.

»Ja, drei oder vier Gläser. Herr von Martini hat mir immerfort eingegossen,« flüsterte ich und hielt mir die Augen zu, um mich zu fassen, denn mir war wunderlich zu Muthe.

»Aber wie kannst du auch? Cardinal hattest du ja auch schon getrunken,« schalt Marie und goß mir ein großes Glas Wasser ein, das ich hastig hinunter stürzte. Wirklich wurde ich davon auch klarer und freier und hütete mich nun wohl, noch einen Tropfen von jenem bösen, verführerisch leckern Weine zu genießen, so sehr mich auch mein Nachbar nöthigte und neckte. Er selbst konnte, wie mir schien, Ungeheures vertragen, ohne davon Schwindel zu bekommen, wie ich armer Neuling, denn sein Glas war stets auf der Wanderung begriffen vom Tische zu seinen Lippen und wieder zurück. Ich war herzlich froh, als man endlich vom Tische aufstand, um nach dem Garten zu gehen, wo der Kaffee eingenommen wurde. Die frische Luft brachte meine verwirrten Lebensgeister bald wieder in Ruhe und Klarheit, und an einer Erfahrung reicher wandelte ich mit Marie heiter im Garten umher. Unserer lieben Tante Ulrike, welche sich bald zu uns gesellte, beichtete ich dann ehrlich alle meine klugen Streiche, mit denen ich auf diesem meinem ersten Diner debütirte, und die mir unvergeßlich geblieben sind.

6.
Verschiedenes.

An jedem Montage erhielt die Tante Besuch von einigen Freunden, welche Abends den Thee bei ihr tranken und sich mit Gesprächen, Vorlesen oder auch wohl Kartenspiel unterhielten. Mir wurde an diesen Abenden das Amt, den Thee zu bereiten und den kleinen Kreis zu bedienen, da die Tante ungern Dienstleute im Zimmer sah. Das war mir, als ich die ersten Schwierigkeiten überwunden hatte, die mir aus diesem Geschäft entsprangen, recht sehr angenehm; denn häusliche Arbeiten machten mir stets viel Vergnügen, und ich entging dadurch am besten der Verlegenheit, unter diesen älteren Herren und Damen anständig still zu sitzen oder gar an Gesprächen Antheil zu nehmen, für die ich noch zu wenig allgemeine Bildung besaß. Zuhören konnte ich ja dabei ganz nach Behagen und war doch in meinem Wirkungskreise gut untergebracht. Aber Anfangs gab es freilich wieder mancherlei Dinge, welche ich erst lernen mußte.

So füllte ich die Tassen stets bis hoch hinauf an den Rand, was die Tante mir zwar gleich am ersten Morgen verboten, ich mir aber gar nicht merken konnte. Mir schien es immer, als würden die Leute meinen, ich gäbe es ihnen nicht gern, wenn ich so wenig in die Tassen goß. Die Folge davon war denn, daß der Thee über den Rand hinaus gedrängt wurde, sobald man Zucker und Sahne hinzu that, und daß von jeder Tasse ein Regen herab träufelte, sobald man sie an den Mund führte. Ferner lief ich mit der Theekanne rings im Zimmer umher, um gleich an Ort und Stelle die Tassen der Gäste wieder zu füllen, bis Tantchen mich leise zurück zog und mir die Tassen an das Buffet brachte, um dort einzugießen.

Dankte dann eins oder das andere der Gäste und wollte nichts mehr genießen, so hielt ich es für meine Pflicht, sie mit Bitten so lange zu bestürmen, bis ich meinen Thee oder Kuchen wieder angebracht hatte, was mir oft schwer genug wurde, bis die Tante mich endlich von diesem Amte erlöste. »Denn,« sagte sie, »in guter Gesellschaft dankt man, wenn man genug hat, ohne auf Nöthigung zu warten. Dies Bitten und Bestürmen ist gut kleinstädtisch und in manchen Kreisen vielleicht wohl gebräuchlich, zum guten Tone aber gehört es nicht, obwohl es eben auch kein Unrecht ist.«

Die Art und Weise, wie man jemandem etwas darbietet, will auch gelernt werden, und so erfuhr ich, daß man dem Gaste von der linken Seite etwas präsentirt, nicht aber von der rechten, denn sonst hat derselbe die rechte Hand nicht frei zum Zulangen.

Vor Allem hielt die Tante darauf, daß ich alle meine Geschäfte hübsch still und geräuschlos that, damit die Gäste nicht das Knarren der Räder, welche die Hausordnung trieben, unangenehm bemerkten.

»Mir wird immer ganz unbehaglich zu Muth, wenn ich jemanden besuche und sehe, welche Störung meine Gegenwart hervorruft,« sagte die Tante. »Da wird gerannt und gerufen, Thüren und Schränke auf und zu geworfen, heraus und herein geschossen, geklappert und gepoltert, und das Alles, um mir vielleicht ein Stückchen Kuchen auf einem Teller darzubieten, oder den Theetisch zurecht zu machen. Nur ja niemals viel Lärm um nichts, liebe Tochter, weder in leiblicher noch in geistiger Hinsicht.«