Mit fröhlichem Gelächter fiel ich der Tante um den Hals und küßte sie wegen ihrer köstlichen Einfälle so stürmisch ab, daß sie mich nur mit Gewalt von sich abwehren konnte und mich ein tolles, wildes Ding nannte, dem sie zur Strafe nun heute kein klassisches Wort weiter vorlesen werde. »Hier ist andere Speise für das kleine Bauermädel,« sagte sie dabei und griff nach einem Buche, das sie mir für mein einsames Stündchen nach Tische, während sie selbst ihre Mittagsruhe hielt, zum Durchlesen anempfahl.

Es war Uli der Knecht, und dessen zweiter Band, Uli der Pächter, von Jeremias Gotthelf. Ach ja, das gefiel mir allerdings unbeschreiblich; aber an diesem wundervollen Werke mußte ja wohl jeder Gefallen finden, der Sinn und Herz besaß für einfache, tief gefühlvolle, brave Menschen. Welch einen Schatz an Gemüth barg dieses liebe Buch in sich, welche derben, biederen Naturen waren darin gezeichnet, und welche feine Beobachtung des rein Menschlichen!

Ich vertiefte mich bald völlig in diese schöne Welt, in welche der Dichter mich einführte, in das Leben unter schlichten Bauern draußen auf dem Dorfe, eine Welt, die mir selbst ja so lieb und vertraut war, und erwachte erst wieder für meine gegenwärtige Umgebung, als die Tante zum Kaffee rief. O weh, o weh, den hatte ich ganz über meinem Buche vergessen! »Erst die Pflicht, dann das Vergnügen!« lautete der Wahlspruch der Tante, wer den aber nicht beherzigte, war die nachlässige Jungfer Grete, sonst hätte sie erst den Kaffee gekocht und dann gelesen.

7.
In Gesellschaft.

Der lebhafte Verkehr, den Tante Ulrike mit allen ihren Bekannten unterhielt, und die häufigen Gesellschaften, in welche sie nun auch mich mit einführte, verursachten mir anfangs große Angst und gaben Anlaß zu gar mancher Rüge von meiner lieben Tante Anstand.

Unvergeßlich ist mir vor Allem ein Abend geblieben, der so reich an Ereignissen für mich war, daß ich davon erzählen muß, da er in seinen Folgen tief in mein Leben eingriff, ohne daß ich es damals ahnen konnte.

Wir waren in einer glänzenden Abendgesellschaft bei Präsident Römers. Ich stand, wie gewöhnlich, neben meiner Freundin Marie, die mir hier wie überall ein Retter in der Noth war, denn ich kannte in der zahlreichen Gesellschaft fast keine Seele weiter. Ziemlich gelangweilt blickte ich im Saale umher und musterte die elegante Menge. Plötzlich aber blickte ich freudig auf. »Ach Marie, sieh doch, da ist der Dr. Hausmann aus F., der hat Papa kürzlich besucht,« rief ich hoch erfreut und zeigte mit dem Finger nach einem großen blonden Herrn, der mitten unter andern Gästen stand. »Den muß ich begrüßen! Wie wird er sich wundern, mich hier zu sehen!«

Schnell wollte ich von Marie's Seite fort und zu Dr. Hausmann hinüber, als ich meiner Freundin Hand fest auf meinem Arme fühlte.

»Halt, Gretchen!« rief sie leise, mich zurück ziehend. »Erstens zeige um Himmels Willen nicht mit den Fingern nach jemand, das ist schrecklich unanständig, und dann muß ich dir sagen, es geht doch wirklich nicht an, daß du den Dr. Hausmann jetzt anredest, wo er mitten unter den andern Herren steht, du müßtest dich ja mit Gewalt zwischen diesen hindurch drängen, um zu ihm zu gelangen.«

»Ach das ist wahr, daran hatte ich gar nicht gedacht!« sagte ich betreten.