»Ueberhaupt,« fuhr Marie fort, »kennst du denn den Herrn so genau, daß du ihn zuerst begrüßen willst? Er ist wohl ein guter Freund eures Hauses?«
»Nein, ich habe ihn nur ein einziges Mal bei uns gesehen, er kam in Geschäften zu Papa und blieb den Nachmittag bei uns,« erwiderte ich etwas befangen. »Aber da ich die Leute hier so wenig kenne, so freue ich mich darauf, mit ihm von Schreibersdorf zu sprechen; das bringt ihn mir viel näher, als all' die andern Herren, die weder meinen Papa noch irgend jemand von zu Haus kennen.«
»Weißt du was, Gretchen, wenn du ihn nicht näher kennst, so warte, bis er dich begrüßt,« sagte Marie. »Dann schickt es sich wirklich nicht anders. Denn wenn er dir auch dadurch interessant wird, daß er die Deinen kennt, so bist du es ihm doch vielleicht viel weniger, sonst hätte er dich wohl schon angesprochen.«
Wie immer, mußte ich auch hier meiner weisen Marie Recht geben; doch verdroß es mich gewaltig, daß ich für den jungen Herrn, der mich so lebhaft interessirte, gar nicht zu existiren schien. Aber lange sollte mein Zorn nicht anhalten; denn bald bemerkte ich, wie sich der Herrnknäuel entwirrte, und mein blonder Herr Doctor juris rasch auf mich zugeschritten kam.
»Fräulein Geßler, finde ich Sie hier? Welche Ueberraschung!« rief er freudig. »Ich sehe Sie erst in diesem Augenblicke, sonst hätte ich mich beeilt, Sie früher zu begrüßen. Wie geht es Ihnen denn?«
Dacht' ichs doch! Er freute sich auch, mich hier unter all' den fremden Leuten zu sehen, und hatte es mir nur nicht früher sagen können, da er mich jetzt erst bemerkte. Das war mir gar zu angenehm, und fröhlich schwatzte ich nun mit meinem »lieben Freunde«, wie Marie ihn neckend nannte, von allen meinen Lieben zu Hause, und Dr. Hausmann schien sich so für Alles zu interessiren, was ich ihm vorplauderte, daß ich meine Umgebung völlig vergaß und ihm mit unbeschreiblichem Vergnügen und offenem Herzen gleich von allen möglichen Dingen erzählte. Nachdem wir lange Zeit mit einander geschwatzt hatten, sah ich Tante Ulrikens feine Gestalt in meiner Nähe, und mir schien, sie blickte sehr prüfend und überrascht zu ihrem Backfischchen hinüber. Da fiel mir ein, daß es ihr auch Freude machen würde, den Dr. Hausmann kennen zu lernen, und so stand ich rasch auf und sagte, ich wollte meine Tante herbei rufen. Der Doctor folgte mir aber auf dem Fuße und bat, ihn doch lieber zu der Tante hinzuführen, damit er sich ihr vorstelle. Dabei lächelte er so eigen, daß ich fühlte, ich hatte da gewiß wieder etwas Dummes gemacht, und mit Purpur übergossen eilte ich ihm voran, hin zu Tante Ulrike, der ich meinen Bekannten mit einigen Worten präsentirte.
Die Tante begrüßte den Doctor zwar in ihrer freundlichen Weise, wie sie eben gegen alle Menschen so engelsgut war, aber meinen Gefühlen genügte dieser Empfang bei weitem nicht und erschien mir gar zu kühl und zurückhaltend. Hatte ich ja doch schon von so Vielem mit ihm gesprochen, was meinem Herzen nahe stand, von meinen Eltern und Geschwistern, meinem lieben Vaterhause mit all' seinen gemüthlichen Einwohnern und Räumen, und von unserm traulichen, freundlichen Dorfe, das mitten in Wald und Wiese lag, wie eine Perle in der Muschel. Das Alles hatte ihn mir so nahe gebracht, mir die Zunge gelöst und das Herz auf die Lippen geführt, und nun behandelte ihn die Tante zwar freundlich, aber doch gerade ebenso fremd als jeden andern jungen Herrn, der ihr vorgestellt wurde. Das war recht unangenehm!
Aber wie groß war mein Erstaunen, als der Doctor sich entfernt hatte, und die Tante sich nun mit nicht gar zu freundlichem Gesicht zu mir wandte.
»Du warst ja recht vertraut mit dem jungen Herrn,« sagte sie, mich mit sich in eine Fensternische ziehend, wo wir wenig beobachtet werden konnten. »Ist denn der Dr. Hausmann ein so naher Freund eures Hauses? Davon wußte ich gar nichts.«
»Nein, Tantchen, sehr befreundet ist er meinen Eltern nicht,« erwiderte ich, etwas ängstlich geworden. »Ich freute mich aber sehr, ihn hier zu sehen, wo mir so viele Personen unbekannt sind.«