»Nun wir wollen das Beste hoffen, Kind, tröste dich nur,« sagte die Tante, mir das Haar aus meinem glühenden Gesicht streichend. »Aber warnen mußte ich dich, damit du vorsichtiger und besonnener wirst, und deinen Gefühlen nicht noch freieren Lauf läßt. Jetzt nimm dich zusammen, mache durch gehaltenes, nettes Betragen wieder gut, was du in den Augen so Mancher versehen, und vor Allem, zeige ein ruhiges, freundliches Gesicht; denn es ist nie rathsam, die Gesichtszüge Verräther der Gefühle und Herzensbewegungen werden zu lassen, in Gesellschaft aber am wenigsten. Sieh, da kommt deine gute Marie, sie wird dich besser trösten können, als ich es im Stande bin.«

Während Marie zu uns trat, ging die Tante einer alten Dame entgegen, und überließ es uns, nach Belieben unsere Herzen gegenseitig zu öffnen. Die stille Fensternische verbarg denn auch noch für eine Weile all' meinen Jammer, den ich in das Herz meiner guten Marie ausschüttete, und von ihr erhielt ich allerdings auch reichlich Trost und Beruhigung für alle Thorheiten, die ich begangen.

»Aufgefallen ist dein Betragen freilich, das kann ich nicht leugnen,« sagte Marie nach meinen Bekenntnissen, »und ich hätte dich gar zu gern aufmerksam gemacht, daß du lange genug mit dem Dr. Hausmann gesprochen habest. Du schienst mich aber über deinem Gespräche ganz zu vergessen, so nah ich dich auch umschwärmte, und unaufgefordert konnte ich mich in eure Unterhaltung nicht mischen, da ich deinen Freund nicht kannte.«

»Ach nenne ihn nur nicht so!« bat ich kleinlaut. »Wer weiß, ob er dieses Namens nicht vielleicht völlig unwürdig ist und meiner spottet.«

»Nein, das glaube ich nicht,« sagte Marie ernst. »In seinem Gesicht spricht sich viel Ernst und Milde aus, und wenn er vielleicht auch ein klein wenig im Herzen über das junge Backfischchen lächelt, das sich noch nicht recht zu benehmen weiß, so wird er dich doch sicher nie verspotten, sondern dein Zutrauen zu ehren wissen.«

»Glaubst du das wirklich, Marie?« rief ich voll Entzücken, »Ach die Tante hatte mir gar zu bange gemacht!«

»Ich müßte mich in seinem Gesicht völlig irren, wenn es anders wäre,« sagte Marie sinnend.

»Aber alle die Menschen hier, wie schrecklich habe ich mich vor denen blamirt! Ich wage gar nicht aus meiner Ecke heraus zu kriechen,« seufzte ich weiter.

»Auch damit ist es nicht so schlimm, als du denkst,« tröstete Marie. »Das Schlimmste, was ich in deiner Umgebung vorhin hörte, war, daß man lachte und dich für sehr jung erklärte, und sehr kindlich und unbefangen, und das ist am Ende Alles zusammen kein großer Fehler. Uebrigens wird man jetzt nach so langer Zeit die Geschichte vergessen haben; komm nur getrost wieder an das Lampenlicht, denn länger dürfen wir hier jetzt nicht mehr stehen. Sieh, da kommt Fräulein Meynfeld, sie ist stets sehr freundlich zu mir, und ich habe sie noch nicht begrüßt. Adieu, auf Wiedersehn! Sei guten Muthes, mein Rosenknöspchen, und mache kein solch armes Sündergesicht mehr!«

Dabei nickte mir Marie's blondes Köpfchen fröhlich zu, und bald sah ich meinen blauen Himmel an der Seite Fräulein Meynfelds, eines ältlichen, angenehmen Fräuleins, dahin schweben.