Zaghaft mischte ich mich wieder unter die übrigen Gäste, und setzte mich still etwas seitwärts in einem Zimmer neben dem Salon nieder, in welchem man eben anfing zu musiciren. Die Diener reichten Eis herum, was ich sehr liebte, und so vertrieb ich mir die Zeit eine Weile recht gut ganz allein, indem ich bald der Musik lauschte, bald mein Eis langsam auf der Zunge schmelzen ließ, so daß es mein heißes Blut angenehm kühlte. Dabei beobachtete ich meine Umgebung, ob ich nicht auch vielleicht etwas bemerkte, was nicht ganz nach den Regeln des Anstandes sein möchte, damit ich doch nicht allein solch armer Sünder war. Aber nein, ringsum war alles gehalten, ernst, anständig; man unterhielt sich wohl, aber wegen der Musik nur leise, machte sich zierliche, wohlanständige Verbeugungen, und saß und stand überall so gerade, so sittig und passend, daß ich mich seufzend abwandte.
Da fiel mein Blick auf einen Herrn, der dicht neben mir stand. Er schien mir nicht mehr ganz jung zu sein und sah auffallend ängstlich und befangen aus; auch war er augenscheinlich ganz unbekannt in dem Kreise und verstand so wenig, seine Schüchternheit zu verbergen, daß ich herzliche Sympathie mit diesem Einsamen fühlte.
Die Musik schwieg endlich, die Gesellschaft schwirrte wieder lebhafter durch einander, nur mein Fremdling verharrte in seiner Verlassenheit. Auch ich blieb ruhig auf meinem Stuhle sitzen, denn ich war verstimmt und konnte meiner Laune nicht Herr werden.
Endlich aber erhob ich mich, um meinen Teller fortzusetzen und sah dabei, das auch mein Einsamer seinen Teller noch in der Hand hielt und sich augenscheinlich dadurch in großer Verlegenheit befand, da er nicht wußte, was damit anfangen.
»Ach,« dachte ich, »du armer Schelm bist doch noch ungelenker, als ich kleiner Backfisch,« und da ich dicht an ihm vorbei gehen mußte, so griff ich, ein freundliches Wort sprechend, auch nach dem Teller des Einsamen und erlöste den Armen von seiner Verlegenheit.
Ueberrascht fuhr derselbe auf und starrte mir stumm in das Gesicht. Endlich besann er sich und machte mir eine Verbeugung, die herzlich steif ausfiel. Dann stand er wieder wie vorher still auf seinem Platze, und auch ich nahm meinen Sitz wieder ein, da die Musik von Neuem ertönte.
Ich glaubte, wie gesagt, anfangs, als ich meinen stummen Nachbar betrachtete, einen nicht mehr jungen Mann vor mir zu haben. Indem ich denselben jedoch jetzt in der Nähe angesehen, merkte ich wohl, daß er noch zu den jüngeren Herren gehörte, und daß nur seine wunderliche Haltung an diesem Irrthum die Schuld trug. Ich blickte deshalb jetzt von meinem Stuhle aus noch einmal zu dem Fremden hin, um den ersten Eindruck mit dem späteren zu vergleichen. Da aber wandte sich der Beobachtete schnell nach mir um, und ehe ich noch meine Blicke von ihm abgewendet, sah er mich mit seinen dunkeln, eigenthümlich schwermüthigen Augen starr und stumm lange Zeit an.
Etwas gepeinigt durch dieses Anstieren machte ich mir schnell an meinen Handschuhen etwas zu schaffen, deren Knöpfe aufgesprungen waren. Nun aber, als ich des Einsamen Gesicht jetzt eben wieder betrachtete, war mir dessen Aehnlichkeit mit irgend jemand aufgefallen, den ich kannte, ich konnte mich aber durchaus nicht besinnen, wer es sei, der ihm gleiche. War es Prediger Moller in Magdeburg, oder Onkel Heinrich in Leipzig? Nein, nein, Dr. Sarre in Halle sah ihm wohl ähnlich, oder mehr noch Amtmann Amelang, unser Nachbar in Schreibersdorf. Ich konnte mit mir nicht darüber einig werden, und doch quälte es mich unablässig, wie es mit solchen Dingen geht, denn eine große Aehnlichkeit war da, aber mit wem nur am meisten? Ich mußte es heraus bekommen, mußte mir noch einmal das eigenthümlich anziehende Gesicht des Einsamen darauf ansehen.
Getrost blickte ich deshalb wieder auf und gerade zu dem Fremden hin, der mich jetzt gewiß längst ignorirte.
Aber wie erschrak ich, als ich nun bemerkte, daß die Blicke desselben immer noch auf mir ruhten wie vorher. Das war doch recht lästig, was hatte denn der wunderliche Mann an mir zu sehen? Er war doch gar zu sonderbar! Ich fühlte, wie mein Gesicht vor Verlegenheit feuerroth wurde, eine Erscheinung, die mich freilich oft genug belästigte, aber ich konnte es nicht ändern. Unruhig rutschte ich auf meinem Stuhle umher und nahm mir fest vor, den Platz zu wechseln, sobald das Gesangstück beendigt war. Das schien aber kein Ende nehmen zu wollen, und während ich nun ordentlich scheu und erschrocken meine Augen vor den Blicken des Sonderlings senkte, geschah wieder etwas, das denselben in neue Verlegenheit brachte.