Er hielt nämlich, wie alle Herren, seinen Hut unter dem Arme, aber so ungeschickt, daß ich schon immer gefürchtet hatte, er werde ihn fallen lassen. Und richtig! Plautz! da lag der unglückliche Hut endlich auch und zwar gerade vor meinen Füßen. Der Fremde war in höchster Bestürzung, und vor Verlegenheit wagte er kaum, nach seinem Eigenthum die Hand auszustrecken. Unwillkürlich bückte ich mich deshalb schnell, griff nach dem Hute und reichte, natürlich abermals tief erröthend, denselben seinem Besitzer hin, der ihn mit einer steifen Verbeugung aus meiner Hand empfing. Hierbei aber verlor er nun wieder seine Handschuh, die er in der Hand hielt, und ehe er noch seinen steifen Rücken gekrümmt hatte, übergab ich ihm auch schon das Verlorene wieder.
Abermaliger Bückling und große Verlegenheit, denn nun stand er vor mir und wußte nicht, sollte er sprechen oder seine stumme Rolle ferner weiter spielen. Um den wunderlichen Gesellschafter, sowie mich selbst aus der peinlichen Situation zu erlösen, griff ich nach einer Bildermappe, welche in der Nähe aufgeschlagen lag, und vertiefte mich scheinbar lebhaft in die Betrachtung der Kupferstiche.
Hatten nun aber diese Bilder wirklich das Interesse des Einsamen erregt, oder meinte er, mir seine Aufmerksamkeit beweisen zu müssen, kurz, er schaute mit vorgestrecktem Halse und weit geöffneten Augen nach den Bildern hin, die ich durchblätterte, blieb dabei aber in so gemessener Entfernung stehen, daß ich das Lachen verbergen mußte, das seine Stellung in mir erregte. Um ihn jedoch los zu werden, reichte ich ihm ein Blatt nach dem andern hin, damit er es sehen konnte, ohne mich zu belästigen.
Diese neue Aufmerksamkeit schien den Damm seiner Schüchternheit zu durchbrechen. War ich ja doch augenscheinlich die Einzige, die sich seiner erbarmte unter all' den Gästen, – unter Larven die einzig fühlende Brust! – dem konnte sein Herz nicht widerstehen, das besiegte selbst seine Blödigkeit!
»Mein gnädiges Fräulein,« sagte er stotternd und leise, indem er sich an meine Seite setzte, »ich danke Ihnen, o ich danke Ihnen!« Dann fragte er mich, ob ich mich für die Kupferstiche interessire, und als ich dies bejahte, dabei aber meine völlige Unkenntniß eingestand, fing er an, mit leiser Stimme, um die Musik nicht zu stören, von den Meistern zu reden, deren Werke vor uns auf dem Tische lagen: Dürer, Holbein, Carstens, sowie den berühmtesten Italienern Rafael und Michel Angelo. Mir war anfangs etwas ängstlich zu Muthe, denn ich erinnerte mich wohl, daß die Tante mir geboten, nur mit solchen Herren zu sprechen, die mir vorgestellt seien, und den wunderlichen Fremden kannte ich doch gar nicht. Aber bald vergaß ich diese meine Furcht über dem lebhaften Interesse, das seine Reden mir erregten. Er hatte augenscheinlich große Kenntniß in Kunstsachen, denn von jedem der Meister, sowie von ihren Werken wußte er mir in einer sehr anziehenden Weise etwas zu sagen.
Jetzt aber schwieg die Musik wieder, und es wurde um uns her lebhaft. Ich fing wieder an mich zu ängstigen, daß ich mit dem wunderlichen Fremden so allein in einer Ecke saß, er aber schien dies gar nicht zu bemerken, sondern fuhr in seiner Unterhaltung gleichmäßig fort. Da endlich sah ich Marie's blaues Kleid in der Nähe, und mich schnell erhebend, sagte ich hastig: »Entschuldigen Sie, ich glaube, man sucht mich.«
Da kam Marie aber schon auf mich zu. Sie war sehr erstaunt, mich mit dem Fremden in so nahem Verkehr zu finden, und indem sie demselben eine leichte Verbeugung machte, sagte sie: »Ah, Herr Baron, sieht man Sie auch einmal hier? Das ist schön!« Ich flüsterte Marien hastig zu, sie möchte mir den Herrn vorstellen, da sie ihn kenne. Marie sah mich verwundert an, denn sie dachte natürlich, daß mein gesprächiger Cavalier dies schon selbst gethan hätte, nun aber wandte sie sich gefällig wieder zu uns und sagte: »Liebes Gretchen, erlaube, daß ich dir einen Freund meines Bruders vorstelle, den Herrn Baron von Senft. Und dies, Herr Baron, ist meine liebe Freundin Margarethe Geßler.«
Alle Steifheit und alles Ungeschick, das mein armer Einsamer während der lebhaften Unterhaltung glücklich überwunden hatte, kehrte jetzt mit einem Male in vollster Blüthe zurück, sowie Marie zu uns getreten, und gesellschaftliche Formen wieder von ihm verlangt wurden. Er machte eine unendlich linkische Verbeugung und stotterte einige unzusammenhängende Laute, aus denen nur einzelne Worte, wie: entzückt – Fräulein – gütig, vernehmbar hervor tauchten, wie Froschköpfe aus dem Sumpfe.
Wir eilten der Verlegenheit ein Ende zu machen, indem wir uns schnell empfahlen und nach einem andern Zimmer gingen. Aber mit wahrhaftem Mitleiden bemerkte ich die traurigen Blicke, welche der aufs Neue Vereinsamte mir nachsandte, und ich konnte mir nicht helfen, mein gutes Herz trieb mich, ihm noch einen recht freundlichen Gruß zurück zu schicken.
»Was tausend heißt denn das, Grete? Du bist heute ja ganz ausgetauscht!« lachte Marie, als sie meinen Gruß bemerkte. »Erst so vertraulich mit Dr. Hausmann, und nun gar ein Herz und eine Seele mit dem menschenscheuen Baron Senft? Irre ich nicht, so habe ich so eben ein sehr interessantes tête-à-tête gestört, in dem du mit dem Sonderling begriffen warst. Nun sollst du mir noch einmal weiß machen, du seist blöde! Dem Mädchen, das den Baron Senft gewinnen kann, gehört wahrlich eine Verdienstmedaille!«