Erst jetzt neben dieser ausgezeichneten Frau fühlte ich mehr und mehr, wie sehr mir armen Landmädchen die feinere Erziehung noch fehlen möchte. Zu Haus auf dem Dorfe, in einfachen Verhältnissen, und mitten unter den vielen kleinen wilden Geschwistern war mir nie dieser Gedanke gekommen. Aber meine liebe Mama, welche durch die vielen Kinder und große Kränklichkeit abgehalten wurde, sich mehr mit meiner Erziehung zu beschäftigen, und die ihre eigene Jugend nur auf dem Dorfe verlebt hatte, fern von den feineren Sitten und Gewohnheiten der Städte, sie wünschte sicher lange schon, daß ihr ältestes Töchterchen in anderen Verhältnissen lernen möchte, was das Vaterhaus ihr nicht bieten konnte. In den stillen, häuslichen Tugenden, mit denen meine geliebte Mutter das Glück ihres Hauses begründete, hatte sie mich mit Sorgfalt und Treue unterwiesen, und nie in meinem Leben kann ich ihr dafür genug danken. Ihre Lehren bildeten die Grundlage alles dessen, was das spätere Leben mir zuführte, und wodurch Herz und Verstand seine fernere Entwicklung erhielt. Daß ich diese weitere Ausbildung aber nirgends besser finden konnte, als an der Hand unsrer lieben Tante Ulrike, das wußte meine Mama recht wohl, da sie selbst die treffliche, feingebildete Schwägerin so aufrichtig verehrte. Wie gern überließen meine Eltern mich ihr deshalb für einige Zeit, als sie sich erbot, für meine weitere Ausbildung Sorge zu tragen. Welchen treuen, liebevollen Händen ich anvertraut worden, das fühlte ich selbst gar bald.
In der ersten Zeit meines Aufenthaltes aber bei der Tante war ich unaussprechlich bedrückt und unglücklich, denn neben dieser fein gebildeten Frau fühlte ich jeden Augenblick, wie hölzern ich mich bewegte, und meine angeborene Schüchternheit vermehrte die Aengstlichkeit meines Benehmens. Wie ein steifer Perückenstock stand ich an Tantes Seite, und so oft sie mit mir sprach, wurde ich bis unter das Haar hinauf feuerroth und wagte nicht zu antworten, denn ich kam mir gar zu albern und kindisch vor. Die sanfte Freundlichkeit der Tante wirkte aber bald ungemein wohlthätig; meine Schüchternheit schmolz davon wie Schnee vor der Sonne, und ich gewann nach und nach meine kindliche Heiterkeit wieder, trotz aller Fehler und Verstöße, die ich immer von Neuem beging. Die Tante sagte mir schon am ersten Tage sehr liebevoll, sie werde mich gleich von vorn herein erbarmungslos auf alles aufmerksam machen, was sie anders wünsche, nur müsse ich dabei nicht ungeduldig werden, böse sei es nie gemeint. Natürlich versprach ich dies aus vollem Herzen, und hielt es tapfer und standhaft, so schwer es mir oft genug wurde.
Was mir nun von diesem meinem Aufenthalte im Hause der Tante noch im Gedächtniß geblieben, das erzähle ich euch, meine lieben Freundinnen, jetzt mit offenem Herzen, es sind gar liebe Erinnerungen für mich. Und da das Geschlecht der Backfischchen noch bis auf den heutigen Tag grünt und blüht, so ist unter ihnen gewiß eins oder das andre, das sich in seiner 15jährigen Haut ebenso unbehaglich fühlt, als es bei mir der Fall war, und ihnen mögen denn diese Zeilen zum Troste und zur Unterhaltung dienen.
2.
Am Morgen.
»Du sollst mit in meinem Zimmer schlafen, Gretchen!« sagte Tante Ulrike, als sie mich in ihrer Wohnung umher führte, und dabei öffnete sie ein nettes, behagliches Stübchen. Mit ängstlicher Scheu blickte ich nach dem zierlichen Himmelbett, unter dessen schneeweißen Gardinen ich von jetzt an träumen sollte. Mein einfaches Bettchen zu Haus entbehrte jeglichen Schmuckes, und doch, wie himmlisch hatte ich darin geschlafen! Das Bett der Tante war auch von langen, weißen Vorhängen umgeben, deren Schnüre von dem Schnabel eines Adlers gehalten wurden. Das Thier sah mich so böse an, als ärgere ihn der neue Ankömmling, mir wurde ganz unheimlich zu Muthe. Zum Glück schien es mir bald, als blicke er von Tag zu Tage freundlicher auf mich armes Kind hernieder, er mochte wohl einsehen, daß ich den besten Willen mitbrachte, es jedem recht zu machen.
Neben meinem Bett stand ein niedliches Waschtischchen, ebenfalls von Gardinen umwallt, und alle möglichen Toilettengegenstände schmückten dasselbe. Ein weicher Teppich bedeckte den Fußboden, grüne Vorhänge harmonirten mit der grünen Tapete der Wände, und machten das Zimmer ungemein behaglich. Das Beste darin aber war der Platz meines Bettes unmittelbar neben dem Fenster, das nach dem Garten hinaus führte. Von hier aus fielen meine Blicke ja gleich beim Erwachen auf Himmel und Bäume, gerade wie es zu Hause gewesen in der großen Unterstube, in welcher wir Kinder schliefen.
Mit welch' unbeschreiblich schwerem Herzen drückte ich am ersten Abend meinen Kopf in die weichen Kissen meines Himmelbettes! Ach es war die erste Nacht, die ich außer dem Vaterhause zubrachte, die erste Trennung von meinen Lieben in der Heimath! Thräne auf Thräne rollte auf die weißen Kissen, und unnennbares Heimweh bedrückte mein Herz. Endlich aber faltete ich still meine Hände und suchte Trost und Ruhe bei Dem, der ja auch hier über mir wachte, und dessen Hand mich auch hier gütig und väterlich leiten würde, wie sie es bisher gethan. Ein süßer Friede kam während des Gebetes in mein Herz, und ruhig schloß ich endlich die Augen, um im Traume wieder dorthin zu fliegen, wo mein Herz und meine Gedanken weilten, nach dem lieben, theuren Vaterhause!
Wie erstaunt war ich, als ich am andern Morgen erwachte, und halb noch im Geiste unter meinen lärmenden Geschwistern, mich nun hier in dem stillen, grünen Zimmerchen fand. Mit einem leisen Seufzer besann ich mich endlich auf alles und blickte nun spähend nach dem anderen Himmelbett hinüber, ob dessen Bewohnerin schon erwacht sei. Sie nickte mir einen freundlichen Morgengruß zu und fragte, wie ich geschlafen.
»Sehr gut, liebe Tante,« sagte ich fröhlich. »Ich habe die ganze Nacht von Schreibersdorf geträumt und von all meinen Geschwistern. Sie sind heut gewiß rechte Langschläfer, da ich sie nicht aus den Federn treibe.«
»Du scheinst mir auch noch nicht ausgeschlafen zu haben, Kleine!« sagte die Tante lächelnd, als ich jetzt den Mund zu einem lauten Gähnen öffnete, und ohne die Hand vorzuhalten, die Tante anblickte. »Hu, verschling mich nicht, Mädchen!« rief diese, sich die Augen zuhaltend, und beschämt steckte ich meinen Kopf wieder unter die Decke. Es war die erste Unmanier, mit der ich den Tag begann, und sie machte so tiefen Eindruck auf mich, daß ich mein Gähnen seitdem außerordentlich cultivirte.