Die Tante mahnte jetzt zum Aufstehen, und so fuhr ich denn schleunigst, wie ich all mein Lebtag gethan, mit beiden Beinen unter dem Deckbett hervor und kauerte mich im allerleichtesten Nachtkostüm auf den Fußboden, um mir dort die Strümpfe anzuziehen.

Ein herzliches Gelächter der Tante brachte wieder dunkle Gluth auf mein Gesicht. »O,« rief sie lustig, »wie alt ist denn das liebe kleine Hemdenmätzchen dort an der Erde, das fünf Fuß preußisch in der Länge mißt?«

Wie der Blitz flog ich bei diesen Worten der Tante hinter die Bettgardine, und jetzt lernte ich erst deren Tugenden schätzen, denn bis ich mein gar zu natürliches Nachtkostüm mit andern Kleidern vertauschte, schützte mich diese gar trefflich. Beschämt kam ich hinter derselben wieder zum Vorschein und eilte an das Bett der Tante, um derselben meinen Morgengruß zu bringen.

Den Gruß erwiderte sie freundlich, als ich ihr jedoch meine Lippen zum Kuß darbot, schob sie mich sanft zurück und sagte:

»Erst waschen und den Mund reinigen, ehe man damit küßt, liebes Gretchen!«

Das war schon Dummheit Nummer drei, die ich beging, und ich war kaum aus den Federn; zu welcher Summe würden Tante's Ermahnungen wohl angewachsen sein, wenn ich am Abend mich wieder hinter den weißen Gardinen meines Himmelbettes niederlegte!

Kleinlaut schlich ich zum Waschtisch, meine Morgentoilette zu machen, die bisher zu Hause sehr wenig Zeit gekostet hatte. Ein wenig Wasser, eben genug, um die Hände naß zu machen, genügte mir vollkommen zum Waschen, und ohne mein weißes Nachtjäckchen abzulegen, fuhr ich mit dem nassen Handtuchzipfel ein paar Mal über das Gesicht und den Nacken, ebenso schnell ging es mit den Händen, und fertig war ich.

Die Tante war indessen aufgestanden und trat nun zu mir an den Waschtisch.

»Ist bei Euch auf dem Lande das Wasser so theuer, daß du so sparsam damit bist?« fragte sie, auf die paar Tröpfchen im Waschbecken deutend.

»Ich brauche nicht mehr, Tantchen!« sagte ich verwundert.