»Es riecht so gräßlich bei solchen Leuten, man bekommt es nicht wieder aus den Kleidern heraus. Mein Lehrer nannte diesen Geruch Buttersäure,« sagte sie und gab mir Geld, das ich dem »armen Volke« schenken sollte, nur sie selbst solle man in Ruhe lassen. Natürlich drang ich nicht weiter in sie, aber als ich eines Tages von einem dieser Besuche zurückkehrte, konnte ich nicht unterlassen zu erzählen, wie sehr mich die Noth und das Elend in einer jener Familien ergriffen hätte, in welcher die Mutter krank, der Vater auf Arbeit, und die kleinen Kinder sich selbst überlassen waren.
Eugenie schien kaum auf meine Erzählung zu achten, wie überrascht war ich deshalb, als ich einige Tage darauf wieder zu der armen Familie kam, zu hören, daß eine junge Dame dort gewesen und sie mit Geld und Sachen reich beschenkt, ja den kleinsten Knaben lange auf dem Schooße gehabt und ihm endlich eine kleine goldene Kette um den Hals geschlungen hatte, weil er gar so hübsch sei. Die Kette war von Eugenien, ich kannte sie wohl, und die ganze Beschreibung paßte auch auf sie. Aber erwähnen durfte ich gegen sie nicht, daß ich von ihrem Besuche wußte; schon bei meiner leisen Andeutung zuckten ihre Augenbrauen, das Zeichen ihres Verdrusses, und so schwieg ich, Freude und Bewunderung nur gegen die Tante aussprechend, welcher bei meiner Erzählung die Thränen in die Augen traten. »Wunderbares liebes Kind!« sagte Tante Ulrike, und ihr Herz erwärmte sich mehr und mehr für ihr zweites Pflegekind, in welchem täglich neue treffliche Eigenschaften erwachten.
Und dieser Besuch bei der armen Familie blieb nicht der einzige, den Eugenie machte. Nach und nach hatten sich eine ganze Anzahl armer Leute ihrer Gunst und Fürsorge zu erfreuen; aber durch wen sie diese Armen kennen gelernt, danach durften wir nicht fragen, wie es ihr denn überhaupt unerträglich war, sich beobachtet oder controlirt zu sehen. Tante Ulrike und ich fürchteten freilich nicht ohne Grund, daß Eugenie in ihrer Unerfahrenheit und Güte sicher so manchen thörichten Streich bei Beschenkung ihrer Armen begehen würde, und einzelne werthvolle Gegenstände, welche ich bald bei ihr vermißte, bestätigten unsere Vermuthung. Aber es war da nicht viel zu thun, wollte man Eugenien nicht den ganzen neu erwachten Wohlthätigkeitssinn wieder verleiden. Eines Tages aber gab sie selbst Anlaß zu einem Gespräche über derartige Dinge.
»Ich begreife nicht, Gänseblümchen, wo du das Geld hernimmst, um deine Armen zu versorgen,« sagte sie nachdenklich, als sie von einem ihrer Besuche heimkehrte. »Ich bin nun bald selbst so arm wie eine Kirchenmaus; aber hätte ich noch zehnmal mehr, es reichte doch nicht für all' das, was diesen Leuten fehlt.«
»Ich glaube, du beurtheilst die Bedürfnisse dieser Armen falsch, liebes Kind,« sagte die Tante, welche freundlich zu uns trat. »Von allem, was dir und uns zum täglichen Leben unbedingt nöthig scheint, bedürfen diese Leute nur einen geringen Theil. Wir sind verwöhnter, als wir es selbst glauben, und wären wir in solch' armen Familien aufgewachsen, wir brauchten nur den hundertsten Theil von all' dem, was wir jetzt für nöthig halten. Darum können wir auch mit kleinen Gaben in armen Häusern viel Gutes thun, denn die Bedürfnisse dort sind leicht zu befriedigen.«
»Aber Tante, das finde ich gar nicht!« rief Eugenie lebhaft. »Ich gebe und gebe, daß ich selbst nichts mehr habe, das ist aber alles wie ein Tropfen auf einen heißen Stein, immer brauchen die Leute noch etwas. Vor einigen Tagen komme ich z. B. zur Familie des Maurergesellen Franke. Ich fand sie gerade beim Mittagsbrod, sie saßen rings um den hölzernen Tisch herum, und aßen alle aus ein und derselben Schüssel. Das war mir schon ein schrecklicher Gedanke, nun aber sah ich die Löffel, mit denen sie aßen, und ich schrak ordentlich zusammen, denn es waren ganz alte, schwarze, halb zerbrochene Blechlöffel! Ich fragte, warum sie denn kein Tafeltuch auflegten, und jeder seinen Teller für sich habe, aber da sahen sie sich verlegen an, denn denkt nur, die armen Menschen hatten nicht ein einzig Tischtuch, keine Serviette, nur zwei Teller, und die waren aus braunem Thon, und nur diese abscheulich schwarzen Blechlöffel zum Essen. Ich ging denn sogleich mit Lisetten nach der Stadt, und kaufte eine Menge Teller und Schüsseln, drei Tischtücher mit Servietten, und ein halbes Dutzend silberne Eßlöffel, was ich alles den armen Leuten so eben hinschickte. Aber so geht es mir fast überall, die armen Menschen entbehren ja oft das Allernöthigste, doch wie wenig kann ich ihnen darin beistehen! Beim armen Schlosserhans fand ich die Frau neulich im Bette liegen, aber statt der Nachtjacke hatte sie ein altes Tuch umgeschlungen, Nachtzeug besaß die Aermste nicht. Statt der Matratze hatte sie nur einen Strohsack als Lager, und ihre drei Kinder lagen alle in ein und demselben Bette. Ich besorgte nun gleich allerlei Matratzen und Bettzeug und der Frau einen netten Anzug für die Nacht; aber solche Ausgaben haben mich ganz ausgebeutelt, ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.«
»Mein gutes Kind, erlaube mir, daß ich mich deiner Verlegenheit annehme,« sagte die Tante sanft und streichelte Eugeniens Wange. »Was du mir da erzählt, spricht für dein liebes Herz, aber ich kann dir nicht verhehlen, daß du auf einem falschen Wege bist, den Leuten Gutes zu thun. Was ich vorher schon sagte, finde ich bei dir bestätigt: du hältst Dinge für nöthig, welche dem Geringeren durchaus nicht als Bedürfniß erscheinen. Ich bin fest überzeugt, die Schlosserfrau trägt das feine Nachtzeug in eine Leinenhandlung, und läßt sich Geld oder derbes Leinen dafür geben, das ihr nöthiger ist, und das Tischzeug und Tafelservice bei Frankes liegt entweder unbenutzt im Kasten, oder geht denselben Weg, den die silbernen Löffel ohne Frage gehen, nämlich den, zu Geld eingewechselt zu werden.«
»Aber Tante, warum denn? Denke doch, wie nöthig die Leute diese Sachen brauchten und wie froh sie nun sein werden, endlich von einem Tischtuche und von weißen Tellern zu essen, sowie vor allen statt der abscheulichen schwarzen Löffel nun Silber in den Mund stecken zu können!« sagte Eugenie verwundert.
»Nein Kind, darin besteht eben dein Irrthum,« entgegnete die Tante lächelnd. »Du meinst, die Leute hätten diese Sachen bitter entbehrt, weil du sie entbehren würdest, wärest du an ihrer Stelle. Aber sie kennen es ja gar nicht anders, haben nie in ihrem Leben anders gegessen, und werden gar nicht wissen, was sie mit all' den Tellern und gar mit Servietten und Tischtuch anfangen sollen. Das Silber aber bedürfen sie nöthiger, als es in Löffelgestalt in den Mund zu stecken. Dazu dienen ihre alten Blechlöffel vortrefflich, und du darfst ihnen nicht zürnen, wenn sie jenes Silber in Geld verwandelt haben, damit sie dafür etwas anschaffen, was sie mit den schwarzen Blechlöffeln verzehren können.«
Eugenie war ganz gedankenvoll geworden, denn die Rede der Tante erschloß ihr eine ganz neue Ansicht dieser Dinge. Halb verlegen, aber doch endlich in ihrer gewöhnlichen neckischen Laune fing sie an über sich selbst zu spotten und sich lustig zu machen, und in liebenswürdig kindlicher Weise bat sie Tante Ulrike, ihr bei der Sorge für die Armen mit gutem Rathe beizustehen, damit sie den Frauen nicht zuletzt noch Blondenhauben und Tüllschleier und den Männern goldene Schnupftabaksdosen anschaffte als nothwendige Lebensbedürfnisse. Mit tausend Freuden versprach die gute Tante ihren Rath und Beistand, und so konnten wir in der Sorge für unsere Armen jetzt alle gemeinsam wirken. Eugenie entschloß sich mit der Zeit sogar, Röckchen und Schürzen für die Kinder selbst mit nähen zu helfen, und mit stillem Jubel erblickten wir eines Tages gar einen groben grauwollenen Strumpf in ihren feinen Händen, den sie für einen armen Tagelöhner eifrig zu stricken unternommen, nachdem Lisette ihr ihn eingerichtet.