Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten tanzte sie trällernd davon, ich aber schaute verblüfft drein und wußte nicht, war das Scherz oder Ernst. Wäre es nicht Eugenie gewesen, so hätte ich es für einen Spaß gehalten; aber sie war fähig das zu thun, was sie erzählte, und der leere Schrank sprach nur zu deutlich von der Wahrheit ihrer Geschichte. Das war denn doch etwas zu stark, dieses feine, gute Kleid an solch' armes Weib zu geben, der mit etwas Geringerem viel besser gedient war, und nun gar über das Eigenthum Anderer so willkürlich zu verfügen! Ich ging fast weinend vor Verdruß in mein Schlafzimmer, um mich fertig anzukleiden und der Tante dann mein Leid zu klagen. Aber siehe da, als ich an mein Bett trat, sah ich auf diesem ein wunderschönes violettfarbenes Kleid liegen von einem so köstlich feinen Wollenstoff, daß ich voll Bewunderung stehen blieb und es anschaute.

»Nun ich hoffe, es paßt dir, kleine Gänseblume!« rief Eugenie und schaute zur Thür herein. »Die Schneiderin behauptet dein Maß zu haben.«

»Soll das denn für mich sein?« fragte ich verwundert und hob das reiche Gewand in die Höhe, das mit Sammet und Spitzen wunderschön ausgeputzt war.

»Mama hatte den Stoff zu einem Winterkleide für mich bestimmt,« sagte Eugenie achselzuckend, »doch es gefiel mir nicht. Da es aber immerhin hübscher ist als dein Bratenkleid, so habe ich es dir machen lassen und verschenkte deinen Hochzeitrock, nur damit ich mich nicht vollends todt darüber ärgern muß. Zu bedanken brauchst du dich nicht, denn ich konnte die Farbe für mich nicht leiden. Veilchen sind mir nun einmal schrecklich langweilig, darum mag ich auch ihre Farbe nicht tragen.«

So wußte das sonderbare Mädchen stets die Sachen zu wenden und zu drehen, daß man schließlich weder schelten noch danken konnte, aber das wollte sie eben. Sie hatte ihren Willen, das war die Hauptsache, und alles Andere mußte schweigen. Noch nie im Leben hatte ich ein so schönes Kleid besessen, und freudestrahlend eilte ich damit zur Tante. Diese begrüßte mich lächelnd und sagte, es möge jetzt gut sein, ihre Strafpredigt hätte Eugenie erhalten, denn unrecht sei ihre Handlung bei alledem; aber den Tausch könne ich mir wohl gefallen lassen. Das fand ich auch, denn mit Vergnügen sah ich in Tante's großem Spiegel, daß ich ordentlich hübsch in dem stattlichen Kleide aussah.

»Thust du den Armen gern Gutes, Eugenie?« fragte ich in Folge der Kleidergeschichte, denn lange schon hatte es mir am Herzen gelegen, meine reiche Cousine mit meinen Armen bekannt zu machen, die ich regelmäßig jede Woche besuchte.

»Thu' doch nicht solche Alt-Jungferfragen, Gänseblümchen!« erwiderte Eugenie. »Die Armen sind schrecklich unbequemes Volk, ich kann sie nicht leiden, darum schenke ich ihnen immer schnell etwas, wenn sie an mich heran kommen, dann bin ich sie los.«

»Aber das ist nicht recht, Eugenie, deshalb mußt du es doch nicht thun! Denke doch, wie schrecklich schlimm diese armen Geschöpfe daran sind, denen oft das Nöthigste zum Leben fehlt. Wenn wir ... Aber was machst du denn, was soll denn das heißen?« fuhr ich endlich fort und sah Eugenien zu, welche mir eine schwarze Schürze als Mantel umband und eine Art Thron von Stühlen erbaute.

»Wenn's gefällig wäre, Herr Pastor, die Kanzel ist fertig, predigen Sie dort weiter,« sagte sie mit einer feierlichen Verbeugung gegen mich und setzte sich mit andächtiger Miene mir gegenüber. Natürlich war ich nun mit meinen weisen Reden zu Ende, und das hatte sie nur gewollt. »Du bist so weise, wie du reizend bist!« war sonst ihre gewöhnliche Redensart, wenn ich bei ihrem leichten Geschwätz meine solideren Ansichten nicht unterdrücken konnte, und diese Rede Titania's, mit der sie im Sommernachtstraum den zum Esel verwandelten Weber Zettel begrüßt, war auch für mich eine eben so zweideutige Phrase, da ich von meinen eigenen Reizen gar schwache Begriffe hatte.

Wie Eugenie von meiner Predigt über die Armuth nichts hören wollte, so war sie auch taub gegen meine Bitte, mich zu einigen armen Familien zu begleiten, denen ich in jeder Woche etwas zu bringen pflegte, bald Geld, bald Kleider, bald Essen, was ihnen gerade am nöthigsten that.