Daß Eugenie mir diesen Streich gespielt lag außer Frage, denn oft schon hatte sie dies kleine Oelbild verhöhnt, das ich allerliebst fand, sie aber meinte, es sähe aus wie ein Ritterfräulein auf dem Pfeifenkopfe eines Handwerksburschen.
Ich nahm das arme Bild still von der Wand und legte es in den Kasten, schelten konnte ich das lose Mädchen nicht, dazu war mir zu weh um das Herz; aber meine roth geweinten Augen und die leere Stelle über meinem Nähtisch, welche ich durch kein anderes Bild verdeckte, sagten Eugenien wohl, wie sehr ich mich grämte. Bald erfuhr ich auch, daß die Tante sehr ernst über diesen herzlosen Streich mit ihr geredet hatte, und dies war mir lieber, als mich selbst mit ihr darüber zu streiten.
Wie sehr staunte ich nun eines Morgens, als ich den leeren Platz durch ein neues Bild ausgefüllt sah, und zwar ein Bild von meiner lieben Marie, ganz zart und duftig in Wasserfarben gemalt und unendlich viel schöner als das verdorbene! Die frischen Farben und die anmuthigen Züge waren so treu wieder gegeben, daß ich voll jubelnden Entzückens das liebe Bild an die Lippen drückte und außer mir war vor Freude. Wer hatte das gethan! Konnte Eugenie? – aber nein, das war ja ein kleines Kunstwerk, und verstand sie das, wann hätte sie es gearbeitet? Und doch, es sähe ihr so ähnlich! Aber sie selbst würde es nie eingestehen, mich höchstens noch verspotten.
Da kam das Urbild meiner Freude selbst, meine liebe gute Marie! Jubelnd flog ich ihr entgegen und fragte, wer das Bild gemalt.
»Nun Eugenie, wie kannst du daran zweifeln?« sagte Marie. »Sie war ja einige Mal heimlich bei mir, um es zu malen. »Das alte ist ein Monstrum,« sagte Eugenie, »und ich habe es absichtlich verdorben, um ihr ein anderes dafür malen zu können, sonst nähme sie es doch nie von der Wand, und ich hätte mich ewig darüber zu ärgern.«
Das sah ihr ähnlich, aber danken durfte ich nicht dafür, sonst war sie im Stande, dem lieben Gesichtchen abermals einen schwarzen Bart anzumalen. Jetzt erst fiel mir ein, daß sie einige Vormittage allein ausgegangen war, um, wie sie sagte, allerlei zu besorgen. Da war dies Bildchen entstanden. Welch' Talent lag in dem Mädchen! Musik, Malerei, alles konnte sie trefflich, nur davon sprechen, sie loben, das durfte niemand, sie rechnete all' ihr Können der Mühe ihrer Lehrer zu und legte scheinbar gar keinen Werth auf ihre Talente.
Eugeniens Lieblingsthema für ihre Neckereien, deren sie ewig im Sinn hatte, war besonders meine einfach ländliche Garderobe, die freilich gegen die üppig elegante Toilette der verwöhnten Cousine gewaltig abstach. »Nett und sauber!« das war meiner guten Mutter Princip bei Anschaffung neuer Kleidungsstücke; aber freilich drang die neueste Mode nur langsam hinaus auf unser fern gelegenes Landgut, und so mochte ich wohl etwas altfränkisch ausgesehen haben, als ich zu der Tante kam, denn diese hatte schon allerlei Aenderungen an meiner Toilette vorgenommen, so daß ich erstaunlich modisch und zierlich gekleidet zu sein meinte, bis die elegante Eugenie mich durch ihre Garderobe völlig in den Schatten stellte. Aber dieser Abstand in der Erscheinung drückte mich nicht, es paßte eben so ganz zu unser Beider Persönlichkeit, und in Eugeniens köstlichen Kleidern wäre ich gewiß noch viel steifer und ängstlicher gewesen aus Furcht, sie zu verderben.
Ein etwas buntes, schwerfällig gemachtes Kleid war es besonders, das vor Eugeniens Augen durchaus keine Gnade fand und fortwährend Grund zu neuen Neckereien abgab. Aber der Stoff des Kleides war gut und fein, das Kleid noch neu und sauber, und so trug ich es trotz alledem ruhig weiter.
»Es riecht nach Butter und Käse!« sagte Eugenie, wenn sie mich darin erblickte. »Um Gottes Willen geh nicht vor die Stadt, die Kühe halten dich für eine bunte Wiese und wollen auf dir grasen.« Oder auch: »Großmutter, in welchem Winkel deines Strickbeutels stak einmal der kostbare Stoff deines Bratenrockes? Heißt dein Schatz Bauer Michel oder Peter, mit dem du in diesem Staate Hochzeit machen willst?« und was der losen Reden mehr waren. Aber ich kehrte mich, wie gesagt, wenig daran und trug mein geschmähtes Kleid weiter.
Eines Tages jedoch konnte ich es durchaus nicht finden, ich durchsuchte alle Schränke, aber vergebens. Da kam Eugenie an mir vorüber und sagte leichthin: »Ach Gänseblümchen, wenn du etwa dein Großmutterkleid suchst, so bemühe dich nicht länger, das hat jetzt die arme Zeitungskäthe an. Das alte Wesen bat mich um einen warmen Rock für die Kälte, aber du weißt, meine Kleider sind alle so dünn und wärmen nicht. Aber das Butter- und Käsekleid von dir ist so warm und weich, ich dachte, das müßte dem armen Weibe gut thun und gab es ihr. Du bist doch nicht böse darüber?«