»Ich bin nun einmal ein halber Junge, was kann ich dafür!« entgegnete sie den hierauf bezüglichen Mahnungen der Tante, aber doch erklangen Kraftausdrücke wie: Donnerwetter, verdammt, höllisch und dergleichen mehr, viel seltener als früher. In dies Kapitel gehörte auch die häufige Anwendung des Namens Gottes und Christus, eine Gewohnheit, die leider sehr in der Welt verbreitet ist, und welche auch Eugenie oft genug gedankenlos im Munde führte. »Ach Gott Jesus! Mein Himmel!« so sagte sie aller Augenblicke, bis die Tante sie sanft und ernst darauf aufmerksam machte, welch' ein Mißbrauch des Heiligsten dies sei. Eugenie gab sich nun Mühe, auch daran beim Sprechen zu denken, obwohl sie Anfangs halb ernst halb lachend sagte, sie werde sich ein Pflaster auf den Mund kleben, denn hier rede sie keinem Menschen recht.

Mein Fehler hingegen war der, nachlässig zu sprechen, die Endbuchstaben wegzulassen, und was der Unarten mehr waren, welche gar viele junge und alte Menschen mit mir theilen. Eugenie sagte dann neckend, sie würde die Tante verklagen, daß sie mir nicht satt zu essen gebe, so daß ich aus Heißhunger Buchstaben verschlingen müsse. So hatte jede von uns ihre Fehler abzulegen, und gut war es, wenn wir über dem Splitter im Auge des Andern den Balken im eigenen nicht vergaßen.

Verwöhnte Menschen sind nachlässig in Bezug auf die Rücksichten, welche sie Anderen schulden, und so war es auch Eugenien ganz gleichgültig, ob Andere Grund hatten, von ihr eine Aufmerksamkeit zu erwarten oder nicht.

»Laßt mich in Ruhe, ich kann das Visitenschneiden nicht ausstehen!« war ihre regelmäßige Antwort auf die Erinnerung der Tante, daß sie dieser oder jener Dame einen Besuch schulde. »Die Leute sind mir ganz gleichgültig, ich mag gar nicht, daß sie sich um mich bekümmern.« Entschloß sie sich aber endlich, diesen Pflichten nachzukommen, so geschah es dann mit der liebenswürdigsten Miene von der Welt, so daß sie alle Menschen entzückte. Die Tante war in solchen kleinen gesellschaftlichen Rücksichten ungemein streng und gewissenhaft, »denn,« sagte sie, »wer sich im Kleinen daran gewöhnt, Andere zu beachten, der wird auch in größeren Dingen nicht rücksichtslos gegen seine Nebenmenschen handeln.«

Diese Nichtachtung Anderer ward auch Ursache, daß Eugenie Dinge, die Andern gehörten, nicht schonte, und schon mehrfach war ihr daraus Aergerniß entsprungen. Einen schönen Shawl, den eine Dame ihr beim Nachhausegehen geborgt, hatte der Hund beschmutzt, so daß sie den Fleck nur mit großer Mühe wieder vertilgen konnte; einen entlehnten Regenschirm ließ sie irgendwo stehen, wofür sie natürlich einen neuen schicken mußte, und über ein wunderschönes Album Amanda's floß eines Tages das Oel der stürzenden Lampe, und verdarb nicht nur einige schöne Zeichnungen, sondern auch den Divan der Tante. Wohl ersetzte Eugenie sowohl Zeichnungen als Ueberzug durch andere noch schönere, aber sie hatte viel Mühe und Kosten davon, die sie durch Sorgfalt für anderer Eigenthum sich hätte ersparen können. Eben so nachlässig ging sie mit den Büchern um, die man ihr borgte, und die Tante sagte ihr sehr streng, sie solle sich nicht wundern, wenn man ihr keine fremden Bücher mehr anvertraue, da sie dieselben nie ohne verstoßene Ecken und beschmutzte oder eingekniffene Blätter zurück gab. »Es ist dies ein Zeichen von wenig Bildung, liebes Kind,« schloß die Tante ihre Rede, der Eugenie sehr nachlässig zuhörte, aber doch nahm sie von da an mehr und mehr Rücksicht sowohl auf andere Menschen, als auch auf deren Eigenthum.

Freilich ging sie auch mit ihren eigenen Sachen nicht sorgfältig um, und die Tante hatte viel Noth und Mühe, ihr beizubringen, wie unrecht dies sei. Der Gedanke, sparsam zu sein, indem sie ihre Sachen schonte, war ihr ganz fremd, und da sie eben so nachlässig als unerfahren in Verwendung ihres Geldes war, so erfreute es die Tante herzlich, daß Eugenie ihr volle Disposition über dieses Departement einräumte. Unter Tante Ulrike's Leitung lernte sie bald ihre Finanzen besser zu ordnen, aber freilich hatte sie trotz alledem stets große Lust, mehr auszugeben als sie einnahm.

»Ich muß einmal einen reichen Mann haben,« sagte sie oft, und mir schien allerdings, daß sie darin so unrecht nicht habe. Aber wenn sie nun einen armen bekam, wie dann?

»Den nehme ich nicht. Ich mag überhaupt gar keinen!« erwiderte sie auf diese Frage.

Eugeniens Sorglosigkeit in Betreff ihres Eigenthums erstreckte sich auch auf etwas, das ich nicht begreifen konnte, das war ihre Correspondenz. Ich hütete und verwahrte meine Briefe als meinen theuersten Schatz unter Schloß und Riegel, und es war das Zeichen von größtem Vertrauen, wenn ich jemand Einblick in meine Correspondenz gestattete. Eugenie hingegen schien gar keinen Werth auf ihre Briefe zu legen, denn diese trieben sich oft Tage lang offen auf den Tischen herum, und sie gebrauchte dieselben häufig als Umschlag für alle möglichen Dinge, oder drehte sie zu Haarwickeln für ihre schönen, braunen Locken zusammen.

Freilich schien in den Briefen, die sie von ihrer Mutter sowie von einigen Bekannten erhielt, wenig genug zu stehen, das des Aufhebens werth gewesen wäre, und von ihrem Vater kam sehr selten Nachricht. Diese wenigen Briefe allein schloß sie sorgfältig in ihre Mappe, und nach Empfang derselben war sie stets für eine Weile ernster und weicher gestimmt, als gewöhnlich. In dieser Beziehung bleibt mir immer eine Scene unvergeßlich, die von ihrem tiefen Gefühl Zeugniß gab.