Ich hatte mit unbeschreiblicher Sehnsucht auf die Ankunft eines Briefes von den Meinen gewartet, und mit lautem Jubel sprang ich deshalb dem Boten entgegen, der mir den theuern Ankömmling brachte. Es war ein Brief von meiner guten Mutter dabei, und deren treue, liebevolle Worte erschütterten mein Herz so unendlich, daß mir die Thränen über das Gesicht rollten, und ich voll inniger Liebe die glühendsten Küsse auf diese Schriftzüge drückte.

Eugenie hatte mir still zugesehen, auch sie hatte an dem Morgen einen Brief von ihrer Mutter erhalten, aber wie gewöhnlich trieb sich derselbe auf den Tischen im Wohnzimmer umher, ohne daß Eugenie seiner weiter achtete.

»Laß mich den Brief lesen, Gänseblümchen, thu' mir den Gefallen,« sagte sie jetzt in ihrer raschen Weise und griff nach meiner Mutter Brief. Ich überließ ihr denselben gern, und sie schob mir dafür das rosa Zettelchen hin, das sie von ihrer Mutter erhalten.

»Zu Thränen wird dich der freilich nicht rühren!« sagte sie dabei etwas spöttisch.

Ich trat in die Fensternische und studirte das flüchtig geschriebene Briefchen. Es enthielt nichts als einige Klagen über furchtbare Langeweile, über das schlechte Spiel der neu engagirten Opernsängerin und Berichte über die neuesten Moden. »Die Aermel trägt man jetzt wieder offen und die Kleider unten herum mit schmalen Volants besetzt,« so lautete ungefähr dieser wichtigste Gegenstand. »Versäume ja nicht, dir deine Kleider so ändern zu lassen, du wirst dann freilich neue Stickereien gebrauchen, aber dafür trage ich Sorge, damit du nicht wie aus dem vorigen Jahrhundert umher gehst. Du schreibst mir kein Wort über die dortigen Moden, und doch weißt du, wie begierig ich auf diese Mittheilung bin; denn finde ich etwas darin, das mir interessant erscheint, so trage ich es sicher, du weißt, wie oft ich schon in diesen Dingen den Ton angegeben und Furore gemacht habe! Die goldenen Blumen meines rothsammetnen Kopfputzes von vergangener Saison erregen noch immer den Neid der hiesigen Damenwelt. Ich hoffe, du vernachlässigst die Conservirung deiner Schönheit in keiner Weise, dies kann ich dir nicht genug empfehlen. Die Tropfen für den wohlriechenden Athem vergiß nie zu benutzen, wasche dich des Abends stets mit Mandelmilch, zu der ich dir ein neues Recept schicken werde, das die Haut noch frischer machen soll, und genieße ja nie zu heiße oder kalte Sachen, damit der Schmelz deiner Zähne nicht leide.« – So ging es noch eine Weile fort, dann war der Brief zu Ende. Unten am Rande stand noch die Bemerkung: »Papa ist wohl. Seine Briefe sind furchtbar langweilig. Schreibe mir ja, was moderner ist, ob Federn oder Blumen auf den Herbsthüten. Die farbigen Schuhe werden wieder sehr Mode.«

Ich war so überrascht und verletzt von dem Inhalt dieses Briefes, daß ich, ganz damit beschäftigt, nicht bemerkt hatte, wie Eugenie das Zimmer verließ. Den Brief meiner Mutter schien sie mit sich genommen zu haben. Ich wartete eine Weile, endlich aber ging ich nach Eugeniens Zimmer, um zu sehen, wo sie blieb.

»Sie können nicht hinein, Fräulein Gretchen, das gnädige Fräulein hat die Thür verriegelt,« sagte Lisette etwas bestürzt, als ich die Thürklinke ergreifen wollte. Ich ging also zurück und wartete. Nach einiger Zeit trat Tante Ulrike sehr ernst bewegt zu mir in das Zimmer und gab mir den Brief meiner Mutter zurück.

»Warst du bei Eugenie, Tante?« fragte ich schnell.

»Ja, Kind, warum?«

»Weil sie sich vorhin eingeschlossen hatte. Was gab es denn?«