»Das arme Kind ist von dem Briefe, den deine Mutter dir geschrieben, unbeschreiblich aufgeregt!« sagte die Tante, und die Thränen zitterten wieder in ihren Augen. »Sie ließ mich auf meine Bitte in ihr Zimmer eintreten, und ich fand sie in Thränen aufgelöst neben dem Briefe deiner Mutter.

»O Tante, Tante,« rief sie an meinem Halse, »was habe ich für eine Mutter!« Mehr konnte sie nicht sagen. Es war das erste Mal, daß ihr der nichtige Werth ihrer Mutter neben der edlen Tiefe der deinen so recht vor die Seele trat und das arme Kind durch und durch schüttelte. Ich ließ sie ruhig weinen und stellte ihr endlich vor, wie viel sie doch an ihrem guten Vater habe.

»Ja, mein Papa, mein einzig lieber Papa, wenn ich den nicht gehabt hätte, was wäre aus mir geworden!« schluchzte sie. »Aber ich kann so wenig bei ihm sein, er ist stets so mit Geschäften überhäuft und so viel über Mama's Launen verstimmt, und jetzt, ach jetzt ist er nun vollends so weit, so weit, und ich habe keinen Menschen auf der ganzen Welt, der mich so lieb hat wie Gretchens Mutter ihr Kind.« Ich hielt das arme Mädchen still an meiner Brust, und das beruhigte sie nach und nach. »Ja, Tante, du hast mich lieb, und Gretchen hat mich auch lieb!« sagte sie endlich weich und zärtlich, und ihr froher Muth gewann wieder die Oberhand. »Meine Trostesworte fanden Eingang in ihre Seele, und bald wird sie wieder bei uns sein frisch und fröhlich wie immer. Aber du siehst, mein Gretchen, was das arme Kind entbehrt hat, ohne daß sie es bis jetzt wußte; laß sie uns nun doppelt lieb haben.«

»Ja, Tante, das wollen wir!« sagte ich tief ergriffen, dann aber gab ich der Tante den Brief von Eugeniens Mutter, damit sie selbst lese, welch' schneidenden Contrast die Worte unserer Mütter bildeten. Tante Ulrike konnte während des Lesens ihren Unwillen kaum verbergen, und heftig, wie ich sie selten gesehen, warf sie den Brief auf den Tisch. »Armer, armer Bruder!« das war alles, was sie sagte, dann ging sie in ihr Cabinet, ich aber hatte Zeit genug, die Briefe meiner Lieben aus der Heimath wieder und immer wieder zu lesen und dem gütigen Gott zu danken, der mir so viel Glück durch die Liebe der Meinen geschenkt hatte.

13.
Der Ball.

»Nun Kinder, heute bringe ich euch eine Einladung, die euch Freude machen wird,« sagte Tante Ulrike eines Morgens, indem sie ein Briefchen hervorzog, das uns für den nächsten Montag zu einem Ball aufforderte, welcher zur Feier von des Königs Geburtstag in einem öffentlichen Locale gegeben wurde.

»Gott sei Dank, also tanzt man doch auch hier! Ich dachte, ich würde es ganz verlernen,« rief Eugenie vergnügt und schlug eine zierliche Pirouette. »Meine Ballkleider sind gewiß halb vermodert, so lange haben sie kein Lampenlicht gesehen. Gänseblümchen, was machen wir für Toilette? Ich lasse dir die Wahl und spreche wie Abraham zu Loth: »Willst du zur Rechten, so will ich zur Linken!« Willst du weiß oder blau oder rosa, oder was sonst? Egal wie Zwillinge oder Inseparables kleiden wir uns nicht, das ist mir zu zärtlich.«

Ich saß ganz still und fühlte nur, welch' heiße Gluth mehr und mehr durch meine Adern flog. Eugeniens Fragen hörte ich kaum. Ein Ball! Ich sollte auf einen Ball gehen! In größeren Gesellschaften war ich wohl schon einige Mal mit Tante Ulrike gewesen, aber auf einem Balle? Das war doch ganz etwas anderes! Einen Ballsaal hatte ich noch nie in meinem Leben betreten, und mein Herz zitterte und bebte vor Angst, Freude und Erwartung. Die Tante bemerkte endlich meine Aufregung und strich mir lachend über das Haar.

»Ich glaube gar, du hast jetzt schon das Ballfieber, Kleine!« sagte sie. »Nun warte, wenn nur erst dein Ballstaat fertig ist, so werden dir die Flügel schon wachsen. Ans Leben geht es nicht, beruhige dich nur!«

Eugenie war unerschöpflich in Neckereien über meinen Kleinmuth, denn da sie schon als Kind sich in den glänzendsten Gesellschaften bewegte, war ihr der Ballsaal ein so bekannter Ort, daß er ihr niemals Scheu oder Bangigkeit erregt hatte. Ich fand sie jetzt häufig in Berathungen mit Lisette, welche so vergraben unter Flor, Blumen und Bändern war, daß nur ihr Kopf über all' den Herrlichkeiten schwamm wie ein Schiff auf den Wellen. Eugenie litt aber nie, daß ich ihr bei diesen Conferenzen Gesellschaft leistete, denn kaum betrat ich ihr Zimmer, als sie mich mit den kostbarsten Blumen und Schmucksachen bombardirte, oder mich in dichte Wolken von Crêpe und Flor hüllte und mich zur Thür wieder hinaus schob.