Marie theilte mit mir die feste Ueberzeugung, daß der Baron in Eugenien bis über die Ohren verliebt war, denn man hätte blind sein müssen, um das nicht zu sehen. Wie aber Eugenie dachte, konnte man freilich nicht so deutlich wissen; ihr neckisches Wesen machte sie unberechenbar, und sie entschlüpfte flink und gewandt, wollte man sie etwas fester und schärfer fassen.

Aber doch sprach gar Vieles dafür, daß auch sie den Baron gern hatte. Es war unbegreiflich, aber es war so: der wunderliche, steife, scheue Menschenfeind gefiel unserer schönen, eleganten, in jeder Weise verwöhnten Eugenie besser, als irgend ein anderer Mann unserer Bekanntschaft. Sie vertheidigte ihn stets, hob stets alles hervor, was zu seinen Gunsten sprach, und vor allem: sie spottete und lachte nie über ihn, so viel Stoff er ihr auch dazu liefern mochte; und jetzt erst fühlte ich so recht die Wahrheit jener Worte, die Tante Ulrike einst sagte: Spott ist schlimmer als Tadel. Ein Mädchen wird leichter einen Mann heirathen, an dem sie allerlei zu tadeln fand, als einen, über den sie sich lustig gemacht und den sie verspottet hat.

Auch ich lachte jetzt nicht mehr über unseres guten Barons linkisches Wesen, denn mehr und mehr lernte ich ihn wegen seines trefflichen Charakters achten und seinen inneren Werth anerkennen. Aber freilich muß ich gestehen, daß mir anfangs ihm gegenüber nicht sehr behaglich zu Muthe war, und ich gewiß in linkischen Manieren mit ihm wetteiferte; denn es ist ein sehr peinliches Gefühl, dem Manne gegenüber zu stehen, dem man – einen Korb gegeben. Zu meiner Freude schien der Baron viel leichter darüber fort zu kommen, denn er ignorirte mich bald vollständig, wenn sich Eugenie neben mir befand; sie war die Sonne, nach der er schaute, sie liebte und verehrte er mit aller Innigkeit seines Herzens, – mich hatte er ja nur heirathen wollen, weil er glaubte, ich liebte ihn; das war ein Irrthum, und somit war er seiner Verpflichtungen gegen mich entbunden.

Aber der arme schüchterne Baron war sehr schlimm daran! Woche um Woche verging, schon wich der Winter dem warmen Hauche des kommenden Frühlings, aber immer noch standen die Sachen auf demselben Flecke; denn die Furcht, auch von Eugenien abgewiesen zu werden, band des armen Barons Zunge. Er wagte nicht dem schönen, bedeutenden Mädchen zu gestehen, wie sehr er sie liebe. Hätte er sich abermals geirrt, wäre er auch ihr gleichgültig, wie er mir war, so stürzte sein Wünschen und Hoffen in bodenlosen Abgrund und nahm alles mit, was ihm jetzt Freude und neues Leben brachte.

Diese Gedanken standen so deutlich auf seiner Stirn, daß ich mir von Neuem die bittersten Vorwürfe über meine Thorheiten machte, die noch jetzt solche Früchte trugen. Ein Gespräch mit Eduard zeigte mir aber erst ganz, wie begründet solche Gedanken waren.

»Fräulein Gretchen, Sie könnten sich ein rechtes Verdienst erwerben,« sagte Eduard eines Tages zu mir, als ich bei seiner Schwester Maria war.

»Ein Verdienst, um wen denn?« fragte ich verwundert.

»Nun, um wen sonst, als um Ihren einstigen Verehrer, den Baron Senft,« entgegnete Eduard.

»Er ist nie mein Verehrer gewesen und hat jetzt ganz andere Gottheiten, denen er huldigt!« sagte ich lachend.

»Aber Sie haben ihn doch einmal bitter enttäuscht und gekränkt, dafür sollten Sie ihm wirklich Gutes erzeigen.«