»Ich? Ich habe nichts weiter gethan, als die Rathschläge meiner trefflichen Cousine befolgt,« sagte Eugenie knixend. »Sie hat mir gezeigt, wie man Orden vertheilt, um die Sprache seines Herzens zu verkünden. Auch ich habe heut Vormittag einen Orden verschenkt und dafür, wie es sich für einen galanten Kavalier schickt, ein Sträußchen erhalten, denn das ist ja wohl Cotillonsregel, nicht so, Gänseblümchen? Da, sieh einmal, da du die Blumensprache verstehst! Du weißt, ich bin sehr freigebig mit meinen Mittheilungen.« Dabei enthüllte sie ein prachtvolles Bouquet, das sie unter dem Taschentuche verborgen und hielt es mir neckend unter die Nase. Ein kleines Briefchen schaute aus den bunten Blumen heraus, und hastig griff ich danach. Es enthielt nur die kurzen Worte: »Dank, ewigen Dank für diesen Lichtstrahl in dunkler Nacht! Jetzt bist Du mein, mein auf ewig! A. S.«
Ich war wie im Traume. Also alles lag schon fix und fertig da, unsere Vermittelung war ganz unnöthig geworden; Eugenie hatte uns in kühnster Weise ein Schnippchen geschlagen und ihre Angelegenheiten selbst keck in die Hand genommen. Nur ein solcher Muth, ein so sicheres Selbstgefühl, als es Eugenie besaß, konnte dergleichen fertig bringen; sie war in der That ein Stückchen Amazone! Aber konnte man sie deshalb tadeln? War ein solcher Schritt nicht durch des Barons unüberwindliche Schüchternheit entschuldigt, ja sogar gerechtfertigt? Das Lebensglück zweier Menschen beruhte auf einem einzigen Worte, und da er dieses Wort nicht auszusprechen wagte, warum sollte sie es nicht thun, und dadurch die Pforten ihres Glückes öffnen?
Solche Gedanken gewannen auch in mir nach und nach die Oberhand, wie sie Eugenien schon lange mochten beschäftigt haben. Doch im ersten Augenblicke war ich allerdings etwas bestürzt über diese neue Art der Verlobung, denn meine schüchterne Natur hätte diesen Schritt nie gethan, und wenn mein ganzes Lebensglück davon abgehangen hätte. Aber man konnte freilich auch nicht verschiedener sein, als Eugenie und ich, und das gestanden wir uns Beide sehr offenherzig.
Eine halbe Stunde nach Eugeniens Eröffnungen stürmte es die Treppe herauf, und in meinem Leben habe ich nicht solche Verwandlung eines Menschen gesehen, als die unseres lieben Barons. Strahlend vor Glück und Liebe, rasch und lebendig wie ein feuriger Jüngling, schwamm er in einem Meere von Glückseligkeit, und Eugenie war so hold, so sittig, und doch wieder so schelmisch, neckisch und zärtlich, daß man allerdings seine Studien an ihr machen konnte; sie erschien mir als das Ideal einer schönen, glücklichen Braut! –
16.
Die Braut.
»Ehe ein Mädchen verlobt oder gar verheirathet ist, kann man nicht wissen was in ihr steckt!« hatte Tante Ulrike manchmal gesagt, und wie wahr und sinnig ihre Worte immer waren, das erfuhr ich jetzt wieder. Auch Eugenie, dieses bunt schillernde Wesen, entwickelte als Braut ganz neue, nie gekannte Eigenschaften, welche ihr unsere aufrichtige Bewunderung verschafften. Sie war oft wirklich rührend in dem Streben nach größerer Vollendung. Bisher hatte sie nie daran gedacht, auf irgend jemand viel Rücksicht zu nehmen; alles war ihr entgegengekommen, ihr abgenommen oder zugetragen worden, sie fragte bei ihrem Thun und Lassen nicht danach, paßt es auch meiner Umgebung, oder störe und verletze ich jemanden. Jetzt aber war sie fortwährend auf alles bedacht, was den Baron erfreuen und ihm angenehm sein konnte, und mit reizender Zartheit suchte sie alles aus dem Wege zu räumen, was ihn bei seiner Schüchternheit belästigen mußte. Dahin gehörten vor allem die Besuche, welche das junge Brautpaar zu machen hatte, um sich dem Bekanntenkreise vorzustellen. Diese konnte sie dem armen Baron freilich nicht ersparen, und da ich denselben nicht beiwohnte, so kann ich auch nicht wissen, wie steif und befangen er sicher dabei gewesen; aber bei Erwiederung dieser Besuche sah ich, wie Eugenie mit feiner Gewandtheit immer da einzutreten wußte, wo er fehlte, wie sie es verstand ihn stets in das Gespräch zu ziehen, im rechten Augenblicke seinen Arm zu ergreifen, geschickt alle Hindernisse zu beseitigen, die ihn bei seinen eckigen Bewegungen störten, wie Sessel, leichte Tischchen, Blumenvasen und alle dergleichen leicht stürzende Dinge, welche ungraziöse Menschen nur gar zu oft in Verlegenheit setzen. Dabei war sie so unbefangen, so heiter und liebenswürdig, daß ich es gar wohl begriff, warum ihres Bräutigams Augen nur an ihr hafteten, und die ganze übrige Welt eigentlich für ihn nicht existirte. Eugenie war alles, was er dachte und fühlte, ihr Glück und ihre Freude der einzige Zweck seines Lebens. O wie dankte ich Gott aus tiefstem Herzen, daß er meinen sehnlichen Wunsch nun erfüllt, und dem braven Manne das Glück zugeführt hatte, das er so sehr verdiente, und welches ich ihm zu geben doch nie fähig gewesen wäre.
Eugenie war trotz der unglaublichen Verschiedenheit, die zwischen ihr und dem Baron herrschte, doch wie für ihn geschaffen, denn ihre Schwächen entzückten ihn ebenso sehr wie ihre guten Eigenschaften. Er verzog sie so viel er nur konnte, und je muthwilliger sie ihn umgaukelte, je glücklicher strahlten seine Augen. All ihre kleinen lustigen Streiche bewunderte er, als wären es die fabelhaftesten Heldenthaten, und nie wurde er verstimmt oder ärgerlich, selbst wenn er, wie nur gar zu häufig, die Zielscheibe ihrer Neckereien war.
Daß Eugenie bei all ihrer Schelmerei tiefes Gefühl besaß und ihn innig liebte, wie er sich nie geträumt, das wußte er wohl, und es war wunderbar, mit welcher Innigkeit der so scheue, verschlossene Mann nun der Geliebten sein Gemüth eröffnete. Und Eugenie, welche bisher allem, was Gefühlsäußerungen ähnlich sah, den Krieg erklärt hatte, sie lauschte jetzt mit feuchtem Auge den Worten der hingebendsten Liebe.
In ihrer liebenswürdigen Offenheit theilte sie uns vieles von dem mit, was der Baron ihr gestanden; denn sie wußte, daß sie an Tante und mir innig theilnehmende Herzen besaß, voll Discretion und Verständniß, denen sie wohl mittheilen durfte, was ihr das Liebste und Heiligste war. Wie sehr der Baron sie vom ersten Augenblick an geliebt, seit er sie kannte, das zeigten einige seiner früheren Gedichte, und eben so warm sprach er jetzt die Wonne und das Glück seines Herzens aus, seit er die Geliebte gewonnen. So z. B. klagte er in jenen Tagen der Trauer voll Sehnsucht:
O wär' ich doch ein Edelstein