»Noch eins, geliebte Sophie,« sagte Gablenz rasch. »Ist es dir recht, wenn ich die kleine Helene zur Valentine wähle? Welche Blume trägt sie heute Nachmittag?«
Sophie erröthete wieder und sagte lebhaft: »Wählen Sie die rothe Rose, es ist Helene's Blume.« Dann eilte sie schnell davon, sehr zufrieden, daß ihr Geliebter nicht Frida zur Valentine wünschte, wie sie geglaubt hatte. Sie wußte nicht warum, aber ihr Herz war voll banger Eifersucht, wenn sie an die schöne Frida dachte. Helene war wohl auch schön; mit ihrem schüchternen, zurückhaltenden Wesen erschien sie ihr jedoch nicht halb so gefährlich, als die weltgewandte, bewunderte Frida.
So kam der Nachmittag heran und mit ihm die Gäste in Menge. Wie verabredet führte Sophie die jungen Mädchen nach einer Weile in ein besonderes Zimmer, und Walter die jungen Männer. Dann öffneten sich die Thüren; aus der einen traten die mit Blumenkränzen geschmückten Jungfrauen, aus der andern die Herren, jeder eine Blume in der Hand, die ihm seine Valentine zuführen sollte. Ein Kichern und Drängen entstand jetzt unter der Mädchenwelt, denn jede scheute sich, von ihrem Valentin begrüßt zu werden. Aber sicher schritt Herr von Gablenz, eine rothe Rose in der Hand, auf den Kreis zu und zwar Frida entgegen. Erst als er dicht vor ihr stand schrak er zusammen und flüsterte hastig: »O Gott, welch ein Irrthum Sie haben nicht die rothe Rose, die Blume seliger Stunden?«
Frida war schon beim Eintritt der Herren blaß geworden; denn sie hatte augenblicklich gesehen, daß Gablenz nicht ihre Blume, die weiße Rose, erwählt hatte. Ein freudiger Schreck durchzuckte sie aber, als er nichts desto weniger doch auf sie zuschritt; also hatte er sie doch zur Valentine wählen wollen. Jetzt war sie nur froh, daß auch Sophie es nicht wurde; denn neue Gerüchte hatten ihr Ohr in den letzten Tagen erreicht und sie auf's Neue bang und mißtrauisch gemacht.
Unter allgemeiner Heiterkeit begrüßten nun die jungen Herren mit einem Handkuß ihre Valentinen, in ihr Recht eintretend, welches sie als getreue Ritter für den ganzen Tag an der Seite ihrer Erwählten festhielt. Jeder Dienst lag ihnen ob, und für alles, was ihre Valentine bedurfte, hatten sie zu sorgen, beim Tanz aber konnte ohne ihre Einwilligung kein Anderer ihre Stelle ausfüllen. Nur der Geburtstäger machte hiervon eine Ausnahme, und der fröhliche, alte Herr von Helldorf benutzte dieselbe mit Freuden und schwenkte sich in seiner steifen, altmodischen Weise mit so vielen der hübschen Valentinen unter den Linden am Hause, als zähle er nur die Hälfte der Jahre, die sein kahler Schädel schon gesehen hatte.
Auch der gemüthliche, alte Pastor Werner mischte sich häufig unter die muntere Jugend und brachte mit seinen harmlosen Neckereien manches Lächeln und manches tiefere Roth auf die frischen Mädchengesichter. Jetzt kam er auf seinen Liebling, das blonde Hannchen zu, welche mit ihrem blauen Kornblumenkranze ganz allerliebst aussah.
»Das nenn' ich aber einen Treffer, mein Söhnchen!« sagte er schelmisch zu Justus, der an Hannchens Seite saß. »So eine Valentine hätte ich mir auch wählen mögen, du Glückspilz. Nutz die Stunden eh' sie fliehn, morgen ist nicht heut! So gut wird dir's vielleicht so bald nicht wieder.«
Und Hannchen mit einem frohen Lächeln die frischen Backen streichelnd ging er im Kreise weiter. Als er zu Lottchen kam, mit der Walter Helldorf soeben ein merkwürdig lebhaftes Gespräch führte, sagte er schmunzelnd: »Sieh da, hm, hm, wie der Zufall spielt! 's ist doch ein hübsches Ding um so einen Valentin. Das löst die Zunge und macht Courage, nicht wahr, Lottchen? Nun nun, ich will nicht stören, Glück zu, ihr Leutchen!« Dann aber kam er an seinem schönen Töchterchen vorüber, welches soeben mit ihrem Valentin getanzt hatte und nun mit glühenden Wangen an dessen Arme hing, in Folge des Tanzes oder der leisen Worte, die Gablenz ihr soeben gesagt hatte, rascher athmend und aufgeregt ihrem Sitze zuschreitend.
»Lenchen, tanz nicht so viel und so rasch!« sagte der Vater mit einem unwilligen Seitenblicke auf ihren Tänzer; dann strich er seinem Kinde ernst über das schöne, dunkle Haar und schien noch etwas sagen zu wollen, schwieg aber doch und ging weiter, seine Heiterkeit jedoch war für eine Weile verschwunden. »Sieh, daß du den frechen Patron, den Junker Gablenz bald wieder los wirst, Helldorf,« sagte er verdrießlich zu dem Geburtstäger. »Der Mensch gehört nicht unter uns schlichte Leute, und den Mädels verdreht er mit seinen glatten Reden die Köpfe.«