Sophie erschrak über den Ausdruck von Angst und Spannung, den Frida's Züge trugen. »Wenn es nun so wäre, und die Verschen mir mehr aussprechen sollten, warum frägst du mich danach, Frida?« sagte sie beklommen.
»O weil er kurz zuvor mit demselben Gedicht mir seine Liebe gestanden hat!« rief Frida fassungslos und barg das Gesicht in beiden Händen.
»Dir, Frida? Gott im Himmel, so sind wir Beide betrogen!« sagte Sophie tonlos. »Gestern hat er sich mit mir verlobt.«
Mit einem Aufschrei sank Frida auf eine Bank nieder, und lange saßen die beiden unglücklichen, jungen Mädchen still und sprachlos neben einander. Jede rang nach Fassung. Frida weinte krampfhaft in ihr Tuch, das in ihrer Hand zitterte; denn ihr armes, junges Herz war wie vernichtet von dem Schlage, der sie getroffen. Eine ganze Welt von Glück und Hoffnungen war für sie in einem einzigen Augenblicke zusammengestürzt, und das Bitterste, was ein Herz erfahren kann, war über sie gekommen: getäuschtes Vertrauen, verrathene Liebe. — Sophie war viel ruhiger und gefaßter, als ihre viel jüngere und viel leidenschaftlichere Freundin. Bleich und wie gelähmt saß sie da und blickte düster zu Boden.
»Hat dich Gablenz noch während dieser letzten Zeit in dem Glauben erhalten, daß er dich liebe?« sagte sie endlich matt.
»O heut noch, heut noch!« schluchzte Frida. »Er schien außer sich zu sein, als ich nicht seine Valentine wurde. Er hatte eine rothe Rose in der Hand und erschrak, als er meine weiße sah.«
»O dieser Komödiant!« rief Sophie emporspringend. »Ich selbst habe ihm gesagt, rothe Rosen trage Helene, die er zur Valentine wählen wollte. So hat er dreifaches Spiel getrieben und umstrickt auch die arme Helene. O mein Gott, mein Gott, und ich habe der Stimme meiner Vernunft nicht hören wollen, die mich immer wieder vor ihm warnte, habe mir wirklich eingebildet, er könne mich häßliches, unscheinbares Mädchen lieben! Wie bitter bin ich für meine Eitelkeit und Thorheit bestraft worden. O Frida, wie entsetzlich ist's doch, ein reiches Mädchen zu sein!«
»Du meinst wirklich, daß er dich deshalb heirathen wollte, weil du reich bist?« rief Frida empört.
»Nur deshalb, ich sehe es nur zu deutlich!« entgegnete Sophie spöttisch lachend. »O daß ich dem Onkel nicht glaubte! Aber ihm will ich die Sache jetzt anvertrauen; er soll uns von dieser Natter befreien, die sich bei uns eingeschlichen, ich mag ihn nicht wiedersehen.«
»O um alles in der Welt, auch ich nicht!« schluchzte Frida in neue Thränen ausbrechend. Dann warf sie ein Blättchen Papier, das sie wie ein Heiligthum still in einem goldenen Medaillon am Herzen getragen, voll Ingrimm zu Boden, und mit dem Fuße darauf tretend sagte sie heftig: »Fort mit dir, du Zeuge meiner Thorheit und Leichtgläubigkeit. O könnte ich mich selbst zur Strafe auch so mit Füßen treten!«