»Was Sie meinen und denken, habe ich leider schon zu lange mit angehört!« rief Sophie sich hochaufrichtend. »Sie würden vielleicht besser thun, heut schon Hermsbach zu verlassen, es möchten sonst noch mehr peinliche Augenblicke für Sie eintreten.«
»Und bitte, nehmen Sie doch gefälligst diese Verschen auch wieder mit, die sich im Duplikat vorgefunden haben!« sagte Herr von Helldorf schmunzelnd, indem er Gablenz die beiden verhängnißvollen Gedichte überreichte. »Ich würde Ihnen rathen,« fügte er, abermals eine Prise nehmend, hinzu, »das Dingelchen gleich lithographiren zu lassen, da vertheilt es sich noch schneller an leichtgläubige Schönen. Und damit guten Tag, mein lieber Herr! Ihre plötzliche Abreise wird Sie wohl verhindern, sich bei der Gesellschaft zu verabschieden, ich übernehme das von Herzen gern. Empfehl' mich, empfehl' mich, glückliche Reise!«
Mit diesen Worten schloß er die Thür hinter dem bestürzten jungen Mann, dessen Dreistigkeit und Sicherheit während der letzten Augenblicke in der That völlig Schiffbruch gelitten hatten, und der nichts Eiligeres zu thun wußte, als sich schnell aus dem Staube zu machen. Bald hörte man einen Wagen zum Hofthore hinausfahren, der den lockern Patron davonführte. Sophie aber war jetzt von Schmerz und Aufregung überwältigt und lag weinend im Arme ihres braven Onkels, der ihr bald lachend, bald tröstend die Backen streichelte.
»Wein' doch nicht, mein herziges Kindchen!« sagte er schmeichelnd, »der schuftige Patron ist ja gar nicht werth, daß so liebe Guckaugen darum roth werden. Danke Gott, daß wir ihn los sind, ehe er noch mehr Unheil stiftete.«
Und dasselbe sagte Sophie, welche endlich wieder ihre Fassung erlangte, zu der trostlosen Frida, die ganz außer sich gerieth, als sie das weitere Benehmen dessen erfuhr, der ihr so unsäglich theuer gewesen war. Sie konnte sich nicht entschließen, wieder in der Gesellschaft zu erscheinen, und so dauerte es nicht lange, da kam Hannchen zu ihr, welche von ihrem Unwohlsein gehört hatte.
Frida sank ihr schluchzend in die Arme. »O Hannchen, Hannchen!« rief sie trostlos, »warum habe ich deine Warnungen verachtet und die meines Vaters; nun bin ich grausam dafür bestraft worden!« —
Wir verlassen jetzt unsere Frida für eine Weile und übergeben sie noch für einige Wochen der treuen Liebe und Sorge ihrer Cousinen und Tante, welche in ihrer liebevollen und zartfühlenden Weise es vortrefflich verstanden, das tief gekränkte junge Herz wieder mit Welt und Menschen zu versöhnen. Dann aber folgen wir ihr wieder nach dem Vaterhause, in welches sie nach langer Abwesenheit endlich zurückkehrte. Wir finden sie an der Seite Gertruds, mit der sie soeben ein langes, ernstes Gespräch gehabt hat, das sich noch immer auf Frida's lieblichem Gesicht wiederspiegelt. Das junge Mädchen blickt unendlich viel ernster und sinniger aus ihren schönen Augen, seit wir sie an jenem verhängnißvollen Tage in Hermsbach verließen, und ein ruhigeres, gehaltneres Wesen spricht aus ihrer ganzen Haltung. Das eitle, thörichte Kind, das der Vater einst seiner Schwägerin vertrauensvoll übergab, es ist seitdem zur verständigen Jungfrau herangereift, und auch ihr Aeußeres trägt den Stempel dieser Sinnesänderung.
Statt in der so äußerst eleganten Kleidung und übertriebenen Haartracht, in der wir sie zuerst kennen lernten, finden wir sie jetzt zwar zierlich und gut, aber doch höchst einfach gekleidet, und ihr reiches, blondes Haar in der Art um ihren Kopf geschlungen, wie Hannchen es an jenem ersten Morgen in Dahme geordnet hatte. Jetzt blickte sie auf, und plötzlich Gertruds Hand an ihre Lippen ziehend, sagte sie leise: »O Mama, nun aber ist alles, alles gut, und ich will ein neues Leben beginnen. Es war eine harte Schule, durch welche Gott mich zur Einsicht geführt; aber ich danke ihm jetzt dafür. Diese entsetzliche Täuschung hat mich viel älter und ernster, aber auch viel besser gemacht. Ich wollte meine eignen Wege gehen in diesen wie in allen andren Dingen, und widerstrebte sowohl meines Vaters Wünschen, als auch deiner liebevollen Führung, und daraus konnte nichts Gutes für mich erwachsen. Verzeih mir und habe Geduld, jetzt soll alles anders werden.«
Gertrud zog ihre Tochter liebevoll an sich und sprach gute Worte zu ihr voll Sanftmuth und Anerkennung. Da trat der Diener in das Zimmer mit einem Briefchen an Frida. Das junge Mädchen öffnete es, und ein Zug des Mißvergnügens flog über ihr Gesicht.
»Es ist eine Einladung von Franziska,« sagte sie mit einem leisen Seufzer.