Den Onkel sah sie beim Abendbrod erst wieder. Er war freundlich wie am Morgen, aber um die Beschäftigungen Agathes bekümmerte er sich nicht; das war die Sache seiner Frau, dahinein durfte er sich nicht mischen.
Aber doch übertrug er ihr auch ein Geschäft, das Agathen mit der Zeit sehr angenehm wurde; es war das Vorlesen der Zeitung nach dem Abendbrode. Bald bestand in dieser Lectüre Agathes einzige geistige Beschäftigung; denn so wie dieser erste Tag, vergingen alle übrigen, nur mit dem Unterschiede, daß Agathe den Hund am Tage spazieren führen mußte, statt Abends, und zwar in der einzig freien Zeit von eins bis zwei Uhr, sobald sie ihr Mittagbrod verzehrt hatte. Doch war die Tante so gütig, ihr noch eine halbe Stunde länger zu bewilligen, ob zum Vortheil Agathes oder Bello's blieb freilich unentschieden. Bald hieß das junge Mädchen bei der fröhlichen Straßenjugend, welche sich um die Mittagszeit zum Spielen in der Nähe einfand, nur noch das »Hundefreiln.« Aber statt sie, wie im Anfange, zu necken, half ihr bald dieser, bald jener gutherzige Junge, den Hund zu beruhigen, wenn derselbe seine bösen Mucken bekam, und oft genug wurde er von solch' kecker Hand tapfer durchgeprügelt für seine Unarten, was Agathe durchaus nicht verwehrte; denn Bellochen lernte jetzt ordentlich, was es heißt, ein artiger Hund zu sein.
So vergingen Agathen die Tage in ihrer neuen Heimath. Am Morgen begann sie ihr Tagewerk mit der Toilette des Hundes, dann nähte sie bis ein Uhr, aß geschwind, und führte alsdann ihren Schutzbefohlenen an die Luft, was ihr freilich selbst sehr zuträglich war. Dann wurde wieder genäht bis sieben Uhr, und regelmäßiges Kartenspiel mit Onkel und Tante sowie schließlich die Zeitungslectüre beschloß den Tag und raubte ihr jegliche freie Minute. Wohl versuchte sie bis in die Nacht hinein zu lesen und zu studiren; aber dies duldete die alte Cousine mit Recht niemals; denn Agathes zarter Körper bedurfte nach der Arbeit des Tages unbedingt der Ruhe. Die einzige freie Zeit hatte Agathe nur, wenn die Tante Abends ausgegangen war; aber sie ging dann auch immer so spät, daß nur noch wenige Stunden bis zum Schlafengehen übrig blieben. Aber doch waren diese Stunden die Freude und Wonne des eifrigen Kindes, und an ihnen richtete sich ihr Herz auf, wenn sie oft unter der Last ihrer geisttödtenden Arbeiten zu erliegen meinte.
Auch an den Sonntagen gehörten einige Stunden ihr selbst, und nie waren ihr diese Feiertage so lieb und werthvoll gewesen, als jetzt. Regelmäßig besuchte sie dann des Morgens die Kirche, und hier fand sie Trost für alles, was ihr Herz bedrückte, und frischen Muth, der Zukunft hoffend entgegen zu sehen. Auch am Nachmittage blieb sie sich einige Stunden selbst überlassen, ehe der Abend mit dem Kartenspiel heran kam, und daß sie diese schöne Freiheit benutzte, um zu ihren Büchern zu flüchten und Briefe an ihre lieben Freundinnen zu schreiben, versteht sich von selbst. — Aber wäre dem schönen Sonntage nur nicht das Erwachen am Montag früh gefolgt, das war gar zu traurig! Wie eine lange Kette von sechs schweren, drückenden Bleigewichten lagen diese kommenden Wochentage vor ihr, und nie begann sie ihr Tagewerk ohne Seufzer, sie mochte sich selbst noch so sehr deshalb schelten. Leider zeigte sie zu den feinen Arbeiten, die sie jetzt erlernte, sehr wenig Geschick. Es gehörten gewandte, flinke Finger dazu, und große Leichtigkeit der Hand, um all' die Tausend Fältchen und Kniffchen und niedlichen Zierlichkeiten hervorzubringen, wodurch aus Nichts etwas Hübsches entsteht, und dazu war Agathe ganz und gar nicht gemacht. Sie hatte eine schwerfällige Hand, arbeitete langsam und gewissenhaft, und machte so kleine zierliche Stiche, als nähte sie feine Wäsche. Schon bei dem ABC der Putzmacherkunst war sie in Verzweiflung, und Fräulein Schneider mit ihr; was sollte erst werden, wenn die schweren Aufgaben daran kamen. Das ABC, das jede Schülerin erst lernen mußte, um dann zu den höheren Graden zu gelangen, war nämlich das Nähen von Millionen dicht an einander stoßenden, kleinen Säumen, in welche Fischbeine geschoben wurden, um dann die sogenannten Zughüte zu geben, in denen Madame Niedrers Geschäft eine besondere Berühmtheit erlangt hatte, weshalb denn diese massenhaften Säume auch nimmermehr ein Ende nahmen. Staunend hatte Agathe gleich am ersten Morgen gesehen, mit welcher Blitzesschnelle die Nadeln der jungen Mädchen bei dieser Arbeit durch das Seidenzeug fuhren. Nun sollte sie es ebenso machen; aber damit kam sie nun und nimmer zu Stande. Vorsichtig nähte sie Stich um Stich, und solch Zughütchen, von ihrer Hand gefertigt, würde vielleicht am jüngsten Tage einmal fertig geworden sein. Und wie mit dieser Arbeit, so ging es ihr mit allen andern. Einst die beste Schülerin der ganzen Pension, war und blieb sie die schlechteste hier in der Arbeitsstube. Fräulein Schneider war zum Glück eine sehr gutherzige Dame und sah wohl, wie viel Mühe sich die arme Agathe gab. Sie verschwieg ihrer Principalin die Ungeschicklichkeit des jungen Mädchens; aber freilich änderte sie dadurch in der Sache nichts, und Agathe fühlte sich von Tage zu Tage muthloser. Dazu kam, daß Bello krank wurde und sie diesem unleidlichen Gesellen jetzt jede ihrer freien Stunden opfern mußte. Das Thier litt zuweilen an Krämpfen, und wenn diese sich einstellten, dann gerieth das ganze Haus in Aufregung. Madame Niedrer lag schluchzend im Sopha, unfähig ihren Schmerz zu überwinden, oder sie kniete neben dem Lager des Hundes, Agathen zusehend, wie sie nach Angabe des Thierarztes den Kranken mit aller Anstrengung frottirte, daß ihr der Schweiß von der Stirn rann, oder das Thier in warme Decken einhüllte, die immer neu erwärmt werden mußten. Bei solchen Krankheitszufällen hatte Agathe auch in der Nacht keine Ruhe; denn alsdann stand das Bett des Hundes neben dem ihren, und sie mußte viele Male in der Nacht aufstehen, dem Thiere auf der Spirituslampe süße Milch zu erwärmen und ihm dieselbe dann einzuflößen. Die Cousine half dabei natürlich gern und nahm Agathen die Hälfte der Arbeit ab; aber Agathe war doch immer in Angst und Sorge; denn ihr war der Hund anvertraut, und passirte ihm etwas, so bekam sie die Vorwürfe. Bello war gewöhnt, stets bei der Nachtlampe zu schlafen, und so brannte dieselbe natürlich auch jetzt neben Agathes Bett. In einer Nacht aber war das Licht ausgegangen, und Bello bekam in Folge davon wieder seine Krämpfe; denn das zarte Geschöpf hatte sich über die ungewohnte Finsterniß alterirt, die es umgab. Kein Mittel wollte helfen, und am nächsten Tage war Bello so krank, daß Madame Niedrer fassungslos umherirrte.
»Fahre mit ihm nach der Klinik, Agathe,« rief sie weinend, »ich kann es nicht, ich bin zu trostlos!«
So holte sich denn Agathe einen Wagen, nahm Bello auf den Schoos und fuhr nach der Thierarzneischule. Es war eine entsetzliche Fahrt, denn jeden Augenblick dachte sie, das Thier würde sterben. In der Klinik wurde sie von einer Menge junger Aerzte umringt, welche sich des Hundes anzunehmen schienen, hierbei aber Agathen mehr ansahen, als den armen Bello. Das junge Mädchen wurde von Minute zu Minute unruhiger; tödtliche Verlegenheit und Angst färbte ihre zarten Wangen immer tiefer; aber gerade dies erhöhte ihre Schönheit, und beifälliges Flüstern erhob sich rings um sie her. Sie fühlte, wie unpassend es war, daß sie allein hier unter den jungen Aerzten stand; aber was sollte sie thun? Den Hund konnte und durfte sie nicht verlassen, und ein älterer Mann, der sich mit ihm beschäftigte, fand gar kein Ende in seinen Untersuchungen. »Lassen Sie den Hund hier, und holen Sie ihn morgen wieder ab, meine Dame, falls er da noch lebt!« sagte endlich der alte Herr, und froh aufathmend eilte Agathe davon, umringt von den jungen Aerzten, die ihr die Thür öffnen, ihr einen Wagen herbeirufen, sie begleiten, kurz ihr alle möglichen Dienste erzeigen wollten. Schluchzend kam Agathe zu Hause an; denn das schüchterne Kind war außer sich über das, was sie hatte ertragen müssen, und ihre Aufregung war so groß, daß Madame Niedrer's Vorwürfe darüber, daß sie den Hund in der Klinik gelassen, gar keinen Eindruck auf sie machten. Als aber Madame am andern Tage verlangte, sie solle wieder hingehen und Bello abholen, da erklärte sie mit einer für die Tante völlig neuen Entschiedenheit, das thue sie nicht, die Cousine möge hingehen. Trotz Madames Zorn ob solcher Opposition ließ sich Agathe nicht bestimmen, und so wurde wirklich die Cousine an ihrer Stelle abgeschickt. Zum Glück war Bello wieder gesund; Agathe aber haßte ihn jetzt nur doppelt, denn die Angst und Sorge um ihren Liebling ließ Frau Niedrer gar nicht mehr zu Ruhe kommen, und Agathe hatte schlimmere Tage als je. Heulte und wimmerte das Thier, so sollte sie dafür einstehen; denn die Tante behauptete, sie besorge ihn schlecht. Lief er in plötzlicher Laune zur Thür hinaus, so mußte sie von der Arbeit fort hinter ihm d'rein springen, um ihn zurück zu holen, damit er sich nicht wieder erkälte, und kam sie dann athemlos zurück, so zitterten ihr die Hände von dem Kampfe mit dem widerspenstigen Thiere, und die Arbeit wollte noch weniger gehen, als bisher schon. So verging Woche um Woche; ihre Lage wurde nur schlimmer statt besser. Zum Lesen und Lernen kam sie jetzt gar nicht mehr, und ein schwerer, stiller Trübsinn lagerte sich auf ihr Herz. Es war ihr alles gleichgültig; am liebsten wäre sie im Grabe bei ihrer lieben, theuren Mutter gewesen, denn das Leben hatte trotz ihrer Jugend gar keinen Reiz mehr für sie.