Still und in sich gekehrt ging Agathe eines Tages vor einem der Thore Leipzigs spazieren. Der Sommer war in voller Pracht in das Land gezogen; in den Gärten standen Rosen und Lilien in voller Pracht, und die blühenden Lindenbäume neigten ihre duftenden Zweige zu dem jungen Mädchen herab, als wollten sie ihr Liebes und Freundliches erzeigen. In dem frischgrünen Laube der schattigen Baumgänge, unter denen Agathe dahin schritt, sangen die Vögel fröhliche Lieder, und die Sonne blickte mild und warm vom blauen Himmel hernieder. Aber Agathe hatte heute für gar nichts Sinn. Allerlei Verdruß und Aerger bedrückte ihr Herz mehr als gewöhnlich, und sie fühlte sich so einsam, so allein in der Welt, daß sie sich wie verstoßen vorkam. Thräne auf Thräne rollte über ihre Wange, und müde setzte sie sich endlich auf eine der Bänke, welche unter den Bäumen standen. Bello war ungewöhnlich artig und legte sich ruhig zu ihren Füßen nieder, und so wurde sie durch nichts von ihren Gedanken abgezogen.
Aber plötzlich fuhr sie zusammen; der Ton einer Stimme schlug an ihr Ohr, und wie träumend starrte sie in ein liebes, treues, nur gar zu wohl bekanntes Gesicht.
»Mein Goldkind, bist du es denn wirklich? Muß ich dich gleich hier finden, mein armes kleines Vögelchen?« so rief schon von Weitem die bekannte Stimme der alten Soltatenfrau, und in ihrer ganzen gewichtigen Höhe und Breite stürmte sie mit großen Schritten auf Agathe los.
»Anne, meine Anne!« jubelte das junge Mädchen und flog mit offenen Armen an die Brust der alten, treuen Seele, und laut schluchzend umschlang diese ihren Liebling.
»Ach Anne, dich schickt mir der liebe Gott!« sagte endlich Agathe. »Gerade heute wollte ich ganz verzagen, und aller Muth war mir entschwunden. Aber nun ist alles gut, nun bist du hier, nun habe ich jemanden, der mich lieb hat. Nicht wahr, du bleibst hier, Anne? Du ziehst hierher und läßt dein armes Kind nicht mehr allein? Ach Anne, wenn du wüßtest, wie traurig ich bin, du verließest mich nicht wieder!«
»Nun will ich denn das, mein Herzkäferchen? Will ich denn wieder fort? Habe ich nicht meine ganze Bagage im Train, damit ich hier Quartier nehme?« rief die Alte fröhlich und lachte mit ihrer lauten, rauhen Stimme, daß die Vorübergehenden verwundert auf das sonderbare Pärchen blickten. Die alte Soltatenfrau war eine geborne Schlesierin und hatte heute den großen Staat ihrer Heimath angelegt, welche Tracht sich allerdings unter den glatten, weißen Mützchen und den modischen Kleidern der Leipziger Stubenmädchen gar wunderlich ausnahm. Sie trug einen feuerrothen Rock mit weiter Schürze und Mieder, darüber den rothen schlesischen Frießmantel, welcher, wie der blaue Regenschirm, Sommer und Winter den Schlesier begleitet, und den Kopf deckte eine Mütze mit langen Bändern, von einem großen, schwarzseidenem Tuche umschlungen, dessen Schleifen wie ein Paar mächtige Fächer über der Stirn schwebten.
Agathe war so glücklich über das Wiedersehen ihrer treuen Anne, daß ihr alle Traurigkeit entschwunden war. Froh, der braven Freundin ihr Herz öffnen zu können, erzählte sie alles, was ihr begegnet, und alles Leid, das sie zu tragen hatte. Anne begleitete die Erzählung mit den theilnehmendsten Zeichen und Ausrufungen, indem sie wie ein Telegraph mit ihren langen Armen in der Luft umher focht; glückselig aber war sie, daß sie Agathe wenigstens den Trost geben konnte, sie werde sich ihrer nun aus allen Kräften annehmen, da sie ihr so nahe sei.
»Ach gute Anne, du kannst mir ja doch nicht helfen!« seufzte Agathe. Aber im Herzen hoffte sie doch wieder von Neuem, seit sie diese treue Seele neben sich wußte.
»Wer weiß, ob ich dir nicht einmal beistehen kann, wo du es am wenigsten denkst,« sagte die Alte, und schritt gedankenvoll neben Agathe her, die sich bei diesem Wiedersehen schon sehr verspätet hatte und nun eilte, nach Hause zu kommen.
»Besuche mich morgen ganz früh, Anne, den Tag über habe ich keine Zeit,« rief Agathe noch beim Abschied; dann winkte sie der Alten noch einmal zu und flog die Treppe hinauf.