»Du armes, armes Vögelchen! Das ist kein Ort für dich!« sprach Anne leise, indem sie ihr nachblickte und dann still ihres Weges ging.
»Wie sie bleich aussieht und mager. Diese Tante muß gar kein Herz im Leibe haben, sonst könnte sie solche kleine, blasse Blume nicht von früh bis Abend an die Näherei schmieden, wie einen Galeerensträfling!«
Das Wiedersehen ihrer alten treuen Freundin hatte Agathen so fröhlich gestimmt, daß die Cousine ganz verwundert drein schaute, sich aber herzlich mit dem jungen Mädchen freute, als sie den Grund zu deren Frohsinn erfuhr.
»Gegen die Tante sprich aber lieber nicht davon; sie liebt solche Besuche nicht,« sagte die Cousine, und da Agathe überhaupt in Gegenwart der Tante sehr wenig sprach, so wurde es ihr nicht schwer, gegen dieselbe zu schweigen. Dem Onkel aber theilte sie die Anwesenheit der Alten mit, sobald sie einmal mit ihm allein war, und in seiner milden Weise nahm auch er herzlichen Antheil an der Freude des guten Kindes.
Anne kam am folgenden Morgen, wie sie versprochen, ihren Liebling zu besuchen, und aus den weiten Taschen ihres rothen Frießrockes holte sie eine Menge Briefe und kleine Geschenke heraus, welche die Freundinnen der Pension an Agathe schickten. O, was für eine Freude war das, welch ein herrlicher, glücklicher Tag! Das junge Mädchen lachte und weinte vor Entzücken, und fiel ihrer Anne immer wieder dankend um den Hals. Die ganze unaussprechliche Sehnsucht ihres Herzens nach den vergangenen Zeiten war durch diese Boten aus der Heimath ihrer Kinderjahre über sie gekommen.
Anne versprach, Agathen recht oft zu besuchen, und sie hielt Wort; öfter aber noch traf sie mit ihrem Lieblinge auf deren täglichen Spaziergängen zusammen, wodurch dieselben nicht wenig an Reiz gewannen.
Wieder verging Woche um Woche; der Herbst vertrieb den Sommer, und die fallenden Blätter deckten die Laubgänge vor der Stadt, in denen Agathe so gern auf und nieder wandelte. Aber wenn auch die Natur um sie her ein anderes Ansehen gewann, die Lage Agathes blieb dieselbe. Kein freundlicher Hoffnungsstern wollte an ihrem Himmel aufgehen, wie sehr sie ihn auch ersehnte und Plan auf Plan schmiedete und selbst an den Eisenstäben zu rütteln versuchte, die sie umschlossen.
Eines Tages jedoch schritt ihr die alte Soldatenfrau in großer Aufregung entgegen, und kaum erreichte ihre rauhe Stimme Agathen, als sie fröhlich ausrief: »Hurrah, mein Goldkind, ich sehe Licht! Helles Licht, sage ich dir!« Dabei focht sie mit ihren großen Händen gewaltig in der Luft umher, als risse sie dunkle Schleier herab, die besagtes Licht verhüllten. »Die Bresche ist geschossen, nun muß auch die Festung bald fallen; denn die Bresche ist die Hauptsache, sagte mein Corporal, wenn er sich vor einer Attaque den Schnurrbart strich,« schloß sie dann und fuhr sich über die Lippen, um zu zeigen, wo der Schnurrbart gesessen, der so regen Antheil an den Berathungen ihres Corporals hatte.
»Aber was giebt's denn nur, Anne, was hast du nur?« rief Agathe neugierig und zog die Alte auf eine Bank.