»Was es giebt? Eine Stelle giebt es für dich, mein Vögelchen!« jubelte die Alte. »Aber wie gesagt, Sturm müssen wir laufen, sonst kommt uns ein Anderer zuvor, oder deine Frau Tante bekommt gar Wind und verrennt uns den Weg.«

»Eine Stelle? Du träumst wohl, Anne; für mich eine Stelle?« rief Agathe ungläubig. »Was soll ich armes Ding denn für eine Stelle ausfüllen! Ich kann ja nichts als Hunde warten und Karte spielen! Nicht einmal Putzmachen begreife ich; ich bin ja zu gar nichts zu gebrauchen!«

»Das wird sich finden!« sagte die Alte stolz und schüttelte den grauen Kopf, daß die Fächer ihrer Mütze hin und her schwankten. »Jeder soll thun, was für ihn paßt! Putzmachen ist eine gute, ehrenwerthe Beschäftigung, das versteht sich; aber wer kein Geschick dazu hat, sondern Kopf zu was anderm, der soll sich damit nicht abquälen, sondern lieber das thun, was ihm leichter wird! Ich kenne dich besser und weiß, wer in der Pension stets die beste Schülerin gewesen ist! Es ist mir ganz egal, was du seitdem gethan hast; in dir steckt mehr, das muß ich wissen. Ich kenne mein liebes Kind vom ersten Tage an, als es auf die Welt kam, damit Basta!«

»Aber so sag' doch, was hast du denn für eine Stelle?« lachte Agathe und ergriff zärtlich die schwielige Hand der braven Freundin.

»Nun du weißt doch, daß ich die Aufwartung bei Madame Groß übernommen habe,« hub die Alte geheimnißvoll an. »Diese hat jetzt Besuch von ihrem Bruder, der mit seiner kranken Frau nach Frankreich oder Italien, oder wo es ist, gehen will. Da kam mir denn ein Gedanke: »Wenn sie für die arme, kranke Dame nur eine weibliche Begleitung hätten, liebe Madame Groß,« sagte ich gestern Abend zu meiner Herrin, und hatte so meine Absichten. »Eine Kranke bedarf so manches, was der Mann nicht versteht, und die liebe, kranke Dame wird das gewiß später empfinden. Sehen Sie, Madame,« sagte ich weiter, »mein Corporal war der beste Mann in der ganzen Welt; aber wenn ich krank im Bett lag, da war er wie ein kleines Kind; es fehlte an allen Ecken; denn er verstand gar nichts, was nicht zum Dienste gehörte.« Was meinst du nun, mein Goldkind, was ich bei den Worten im Sinne hatte? Nichts anderes, als daß du die Leute als Gesellschafterin begleiten solltest!« schloß die Alte mit glänzenden Augen, »und ich glaube, es wird was draus, denn Madame Groß fand meine Gedanken vortrefflich.«

»Ich, Anne, Gesellschafterin? Ach, mein Gott, wo denkst du hin!« rief Agathe ganz erschrocken.

»Aber warum denn nicht?« sagte die Alte eifrig. »Ist es nicht besser, du pflegst eine gute, kranke Dame (denn sehr gut ist sie, das habe ich gemerkt), als daß du Hunde wartest und dich zu Tode stichelst? Denke doch, sie gehen vielleicht nach Frankreich; da kannst du ja noch was lernen und siehst dich in der Welt um! Hier bei deiner elenden Putzmacherei verkümmerst du ganz; ich kann das nicht länger mit ansehen. Gelt, Schäfchen, du gehst darauf ein?«

Agathe begriff nur zu wohl, wie Recht die treue Seele hatte, und die Aussicht, in fremde Länder zu gehen, und dort noch vieles zu sehen und zu lernen, was für ihre Ausbildung nützlich sein mußte, tauchte wie ein Strahl freudiger Hoffnung vor ihren Blicken empor.

»Aber sie werden mich nicht nehmen, Anne,« seufzte sie traurig.

»Dafür laß mich sorgen, das wird sich finden,« sagte die Alte. »Meine Bresche ist gut angelegt, ich werde schon siegen, da ist mir nicht bange. Aber deine Tante, das ist die Hauptsache, die wird nicht wollen. Sie hat von dir wenig Kosten; du lieber Gott, was braucht denn so ein armes, kleines Vögelchen; aber Hülfe hat sie von dir in Menge, und gewiß denkt sie, du sollst einmal Directrice in ihrem Geschäft werden, damit sie die jetzige nicht mehr zu bezahlen braucht. Die alte Cousine hat neulich so was gesagt, und die Sache wäre freilich für sie bequem.«