»Ach, mein Gott, das wäre ja schrecklich!« rief Agathe, und dachte mit Entsetzen an die zehn Jahre, in welchen Fräulein Schneider bereits jenen hohen Directricensitz einnahm, und der ihrer wartete, um sie ihr ganzes Lebenlang dort fest zu halten.
»Aber wie soll ich es der Tante sagen? ich werde dazu nie den Muth haben!« fuhr Agathe ängstlich fort.
»Nun laß mich nur machen; es soll schon alles gut gehen!« tröstete Anne. »Morgen gehst du mit mir zu Madame Groß, ihr lernt euch gegenseitig kennen, und das andere findet sich dann.«
Am andern Tage trat denn die gute Anne Sommer getrost mit ihrem Liebling in das Zimmer ihrer Herrin, und mit einem fröhlichen: »Na, da ist das Goldkind, Madame!« schob sie militärisch grüßend, zwei Finger an die Fächer ihrer Haube gelegt, die schüchterne Agathe vor Madame Groß hin.
»So jung noch, und so zart?« konnte sich die Dame nicht enthalten, auszurufen, als sie Agathen betrachtete. »Sie wird sich für diese Stelle nicht eignen, liebe Sommer.«
»Soll sie denn die kranke Madame heben und tragen?« sagte die Soldatenfrau barsch.
»Nein, das soll sie nicht!« entgegnete Madame Groß. »Aber sie würde doch zuweilen des Nachts aufstehen müssen, oder dergleichen Dinge thun, und wenn sie schwach und kränklich ist, so hält sie das nicht aus; denn das Leben bei einer Kranken ist angreifend.«
»Aber ich bin nicht schwach, wenn ich auch bleich aussehe,« sagte Agathe jetzt angstvoll, denn sie fürchtete so sehr, abgewiesen zu werden.
»Kommen Sie mit zu meiner Schwägerin, liebes Kind; sie mag selbst entscheiden,« sagte endlich Madame Groß nach einigem Zögern, und bald stand Agathe vor der Kranken, einer sanften, jungen Frau, deren durchsichtige Farbe die böse Krankheit verkündete, welche ihren zarten Körper zerstörte. Sie blickte Agathen mit sanftem, seelenvollem Blicke an, und dieser traten Thränen in das Auge; denn unwillkürlich dachte sie an ihre geliebte Mutter, die ja auch so zart und leidend ausgesehen hatte, ehe sie von der Erde schied. Frau von Menzel, so hieß die Kranke, bat Agathen, sich neben sie zu setzen und erkundigte sich nach ihren Verhältnissen. Agathe erzählte anfangs zaghaft und schüchtern; aber die rege Theilnahme der Kranken flößte ihr bald großes Vertrauen ein, und offen legte sie derselben nun ihre ganze Lage dar und verhehlte nicht, wie innig sie wünschte, bei ihr bleiben und mit ihr gehen zu können. — Frau von Menzel reichte dem jungen Mädchen endlich die Hand und sagte freundlich, sie gefalle ihr sehr wohl, und herzlich wünsche sie ihre Begleitung. Deshalb, wenn sie mit ihnen gehen wollte, so möge sie nur mit ihren Verwandten darüber Rücksprache nehmen. Aber freilich sei nicht viel Zeit zu verlieren, denn schon in drei Wochen wollten sie abreisen.
Agathe küßte voll des innigsten Dankes die Hand der gütigen Dame. Ihr Herz fühlte sich unbeschreiblich zu ihr hingezogen, und mit aufrichtiger Freude versprach sie, alles zu thun, um die Zufriedenheit derselben zu verdienen. Mit frohem Herzen kehrte sie dann zu ihrer Anne zurück, und diese war so glücklich über das Gelingen ihres Planes, daß sie wie ein Kind sprang und tanzte.