»Will dich mitnehmen? Also alles schon fix und fertig verabredet?« rief die Tante jetzt, und ihr Zorn loderte empor. »Also hinter meinem Rücken schmiedest du solche Ränke, du falsches Mädchen? Ohne mir vorher ein Wort zu sagen, läßt du dich von andern Leuten engagiren! Aber, mein liebes Kind, daraus kann ein für alle Mal nichts werden! Du wirst hier bleiben und nach wie vor dich beschäftigen, wie bisher; denn ich sehe wohl, es ist Faulheit, was dich forttreibt! Du denkst, als Gesellschafterin wirst du ein bequemes Leben führen und in der Welt umher reisen. Laß es dir lieb sein, daß ich dich davon zurück halte, denn du würdest gar bald sehen, wie sehr du dich geirrt hast.«
»Aber liebe Tante, ich würde französisch lernen und vielleicht dann Erzieherin werden können, wenn ich die Dame begleite. O bitte, bitte, erlauben Sie es mir doch?« flehte Agathe weinend und mit dem Muthe der Verzweiflung.
»Nein, sage ich dir! Meine Erlaubniß bekommst du nicht!« fuhr die Tante heftig auf. »Erzieherin! Glaubst du, die wird man so mir nichts, dir nichts durch ein Bischen französisch schwatzen? Dummes Zeug! Schweig jetzt, und geh an die Arbeit! Das ist mein letztes Wort über die Sache!«
Weinend eilte Agathe zu ihrer alten Anne, die ihrer in der Küche harrte. Aber kaum hatte sie der treuen Seele ihr Leid geklagt, als sie die Stimme der Tante hörte. Geschwind schob sie die alte Soldatenfrau die Hintertreppe hinab und flog in das Arbeitszimmer, um neuer Schelte zu entgehen. Aber wie viel stille Thränen, wie viel Seufzer und wie viel Gedanken begleiteten nun jeden Stich, den ihre Nadel langsamer und schwerfälliger als je zu Stande brachte.
[Sechstes Kapitel.]
Treue Hülfe.
Frau Anne Sommer war zwar die Hintertreppe hinab gegangen, da Agathe es so gewollt; aber gedankenvoll und leise vor sich hin brummend, trabte sie die Treppe im Vorderhause wieder herauf, klingelte, und ließ sich bei Madame Niedrer anmelden.
»Bitte um Entschuldigung, wenn ich störe!« sagte die Alte mit ihrer rauhen Stimme und schritt auf Madame Niedrer zu, welche mit höchster Verwunderung diesen sonderbaren Besuch eintreten sah.
»Ich bin Fräulein Agathes frühere Dienerin, Madame!« fuhr die Alte weiter fort, »und habe eine große Bitte an Sie.«