»Mein Gott, nicht einmal in seinem Zimmer ist man vor Betteleien sicher!« rief die Angeredete unwillig und ergriff den Klingelzug.

»O bitte, ich bettle nicht!« sagte die Alte stolz und richtete sich in ihrer ganzen Länge auf. »Ich komme nur, um für Fräulein Agathe etwas zu bitten.«

»Was will Sie? Ich habe keine Zeit; rede Sie schnell!« rief Madame Niedrer heftig.

»Madame, Ihre Nichte wünscht eine Stelle anzunehmen; ich bitte Sie flehentlich, erlauben Sie ihr das!« sprach die Alte nun laut und dringend, aber immer noch bescheiden, wie bisher.

»Was geht das Sie an; damit hat Sie gar nichts zu schaffen!« rief Madame zornig. »Sie ist es gewiß, die ihr die Stelle suchte und das undankbare Mädchen gegen ihre eigenen Verwandten aufhetzte. Auf der Stelle gehe Sie, oder ich klingle, daß man Sie hinaus bringt!«

»Hoho, Madame, sprechen Sie so, so brauche ich auch nicht hinter dem Berge zu halten!« brach nun Anne Sommer los und athmete schwer und tief. »Ja, ich bin es, da haben Sie recht; aber ich bin es auch, der das arme Kind lieber ist, als irgend jemanden in der ganzen Welt. Und darum will ich, daß sie glücklich wird. Hier aber geht sie ganz und gar zu Grunde, und d'rum soll sie fort. Sind Sie denn von Stein, Madame, daß Sie es mit ansehen können, wie das arme, zarte Kind leidet an Körper und auch an ihrem Geiste? Denn sie arbeitet sich elend und grämt sich zu Tode, daß sie nicht noch etwas lernen und sich weiter ausbilden kann. Darum, Madame, entweder Sie erlauben ihr, daß sie lernt statt zu nähen, oder Sie lassen sie fort.«

Die Alte hatte in ihrem Eifer die Hand empor gehoben; ihre Augen blitzten, und drohend stand sie vor der Frau des Hauses. Diese war zuerst etwas überrascht; bald aber faßte sie sich und sagte, die Klingel ziehend: »Augenblicklich verläßt Sie mein Haus, Sie unverschämte Person! Meine Nichte bleibt hier und wird Putzmacherin, damit Punktum; Sie aber läßt sich nie wieder blicken!«

Dabei gebot sie der eintretenden Dienerin, das Weib fortzubringen; sie selbst aber verließ stolz und heftig das Zimmer.

»So also geht's nicht!« brummte Anne vor sich hin, als sie wieder auf der Straße war. »Du hast dem armen Kinde mehr geschadet, als genützt; das war dumm von dir, Anne. Jetzt strenge deinen alten Kopf an; denn fort muß sie, nun erst recht. Jetzt hat sie's nun gewiß doppelt schlimm, die arme, kleine Maus.«

Das war allerdings der Fall. Die Tante war so unfreundlich und streng gegen Agathe und gönnte ihr so wenig freie Zeit, daß das arme Mädchen es kaum geduldig ertragen konnte. Und was sollte aus ihrer Stelle werden! Die Tante gab nie ihre Einwilligung, das wußte sie jetzt nur zu gut, und ohne dieselbe konnte sie natürlich nicht fort. Den Onkel um Hülfe zu bitten, war auch nutzlos; denn wo die Tante so entschieden gesprochen, verhallte sein Wort und Wille wie ein Ton im Winde. Und doch verging die Zeit, und konnte sie diese Stelle nicht annehmen, wer weiß, wann sich wieder etwas so Passendes finden würde.