Agathe fand Tag und Nacht keine Ruhe, und die gute Cousine, der sie ihr Herz ausschüttete, wußte auch weder Rath noch Hülfe. Auch Anne Sommer war Anfangs sehr aufgeregt und sorgenvoll gewesen, seit einiger Zeit jedoch schwieg sie, schien aber so sicher und guten Muthes zu sein, daß Agathe sie nicht begriff; denn ihr war jede Hoffnung entschwunden. »Sage nur der guten Frau von Menzel, wie sehr ich ihr danke und wie ich bedaure, sie nicht begleiten zu können, Anne,« sagte Agathe weinend, und Anne nickte still mit dem Kopfe, sah aber ganz heiter dabei aus, als lache sie in sich hinein.
So waren zwei Wochen von der Zeit verstrichen, welche bis zur Abreise Frau von Menzel's noch vergehen sollten. Agathe gab sich Mühe, gar nicht mehr an ihre schönen Hoffnungen zu denken; aber natürlich wollte ihr das nicht gelingen, sie wurde nur immer trauriger.
In ihre Gedanken verloren, schritt sie eines Tages wieder unter den Linden auf und nieder, und unwillkürlich verglich sie das gelbe, trockene Laub am Boden, das unter ihrem Fuße rauschte, mit den gestorbenen Hoffnungen ihrer Jugend. Da sah sie Anne Sommer in ungewöhnlicher Hast auf sich zukommen; sie hatte einen Zettel in der Hand und sagte freudig: »Nun ist's gut; jetzt hab' ich alles, was ich brauche. Nun kommt es nur auf dich an, ob du willst oder nicht, mein Herzkind!«
»Was soll ich denn wieder, Anne; was hast du denn wieder im Sinn?« sagte Agathe niedergeschlagen.
»Ob du mit Frau von Menzel reisen willst!« rief Anne lebhaft.
»Ach laß doch nur dies unglückliche Thema!« sagte Agathe sich abwendend, denn die Thränen brachen ihr wieder hervor. »Du weißt ja, ich darf nicht.«
»Ja du darfst! Hier steht es schwarz auf weiß!« jubelte Anne und hielt ihren Zettel triumphirend empor. »Madame freilich erlaubt es nicht, das steht fest; aber was thut uns das? Dein Vormund ist der Onkel, und der hat es mir hier drauf geschrieben, daß er nichts dagegen hat. Na, Mühe freilich hat's gekostet, ehe er sich dazu entschloß; denn seine böse Frau durfte nichts davon wissen. Aber ich habe ihm keine Ruhe gelassen, habe ihm das Herz so weich gemacht, daß er dir doch endlich seine Erlaubniß gab. Denn gut ist er und helfen möchte er dir, das muß ich sagen; aber die Furcht vor der Frau läßt ja alles das nicht aufkommen!«
»Wie? Du hast die Erlaubniß des Onkels?« rief Agathe in in höchster Verwunderung »Wo hast du ihn denn gesprochen?«
»In seinem Comptoir, mein Schäfchen! Drei Mal bin ich bei ihm gewesen und habe ihn bestürmt, bis ich den Zettel hatte!« rief die Alte und rieb sich vergnügt die harten Hände, daß es raschelte. »Aber Abschied zu Hause darfst du freilich nicht nehmen, dann wäre alles umsonst. Madame sperrte dich sicher ein; darum entschließe dich nur und komm gleich mit mir, das ist das Allerbeste; es ist alles schon vorbereitet.«