Agathe konnte sich schwer von dem Onkel trennen; aber Fremde kamen, und nach einer letzten innigen Umarmung eilte sie fort. Die treue Anne hatte in ihrem Stübchen alles zum Empfange des lieben Gastes bereitet, und bald schloß sie die Thür hinter der Entführten.

»Hier bist du sicher, mein Vögelchen!« rief sie fröhlich. »Hier finden dich selbst die scharfen Augen deiner Frau Tante nicht.«

Agathe saß stumm und traurig da, und alle Fröhlichkeit der guten Soldatenfrau war nicht im Stande, sie zu erheitern. Ihre Gedanken flogen nach dem Hause, das sie verlassen; sie kam sich wie eine Verbrecherin vor. Im Geiste sah sie den furchtbaren Zorn der Tante, die jetzt schon ihr Ausbleiben bemerken mußte. Dann kam die Stunde, in welcher der Onkel heimkehrte, und in Todesangst dachte sie daran, daß er vielleicht eben jetzt der Tante ihre Flucht mittheilte; denn er hatte versprochen, sich ihrer treu anzunehmen, und sie zu vertheidigen und zu schützen.

»Unsinn! Er ist der Generalfeldmarschall seiner Truppen; was er will, muß in seinem Hause geschehen, so gehört sich's!« sagte Anne Sommer mit grimmigem Ernst, als Agathe ihre Sorge aussprach, der Onkel werde um ihretwillen gewiß viel Aerger und Verdruß zu leiden haben. »Hätte er es dir nicht erlaubt, würdest du natürlich nicht desertirt sein. Aber jetzt beruhige dich, und sei kein Närrchen. Heute Abend werde ich ja erfahren, wie es dort steht.«

In der Dämmerstunde holte Anne Agathes Koffer ab, den die alte Cousine heimlich gepackt hatte, und durch sie erfuhr denn die Alte, daß es freilich einen sehr heftigen Auftritt zwischen Herrn und Madame Niedrer gegeben habe. Der Herr sei aber so fest und bestimmt bei seinem Willen geblieben, daß Madame sich schließlich beruhigt und sich vor den Leuten das Ansehen gegeben habe, als sei Agathes Entfernung mit ihrer Zustimmung erfolgt.

Unter den jungen Arbeiterinnen des Putzgeschäfts hatte Agathes Flucht große Heiterkeit hervor gerufen; denn alle hatten das innigste Mitleid mit ihr gehabt. Selbst Fräulein Schneider lächelte, als sie den ersten Schreck überwunden und gestand seufzend, sie habe jetzt eine Sorge weniger; denn zu einer Putzmacherin hätte sie Fräulein Agathen doch nimmermehr heran bilden können.


[Siebentes Kapitel.]
Im fremden Lande.