Es war an einem schönen, sonnigen Herbsttage, als eine blasse Frau, auf den Arm ihres Mannes gestützt, eines der Eisenbahncoupé's bestieg und sich freundlich nach einem jungen Mädchen umschaute, das an dem Halse einer großen Frau hing, deren bunte Bauerntracht wunderlich gegen die dunkle Reisekleidung des Mädchens abstach.
»O Anne, behalte mich lieb, und habe ewig Dank für alles!« schluchzte Agathe, denn sie war es. Die alte Soldatenfrau fand keine Worte und streichelte nur immer wieder die Wangen des jungen Mädchens, indem ihr einzelne, dicke Thränen über das gute Gesicht liefen.
»Ich muß fort, lebe wohl, meine Anne; vergiß deine Agathe nicht!« rief diese endlich, rasch davon stürzend, und eilte, ohne zurück zu blicken, nach dem Wagen. Aber hier erwartete sie noch ein anderer Abschied. Der Onkel war es, welcher ihr noch Lebewohl sagen und ihr mittheilen wollte, daß zu Hause alles gut stehe, die Tante ihr sogar einen Gruß schicke. Das erleichterte Agathes Herz unbeschreiblich; denn sie machte sich wegen ihrer Flucht doch unsägliche Vorwürfe. Nun konnte sie ruhig abreisen, und trotz der Thränen, die ihr Auge trübten, als sie dem guten Onkel zum letzten Male die Hand reichte, schlug ihr Herz doch froh und hoffend der Zukunft entgegen.
Die Reise war schön und genußreich, und da man wegen der Kranken nur kleine Tagestouren machen konnte, auch durchaus für Agathe nicht anstrengend. Die Geschäfte, welche sie zu besorgen hatte, wurden ihr sehr leicht, und die große Milde und Freundlichkeit der Kranken berührten Agathen um so angenehmer, als sie von der Tante nur strenge, kalte Behandlung erfahren hatte. Herr von Menzel, ein reicher Gutsbesitzer, war ein heiterer, freundlicher Mann, der die junge Gesellschafterin wie eine Tochter behandelte, und bald fühlte sich Agathe so glücklich, wie noch nie in ihrem Leben. Die Aerzte hatten es für gerathen gehalten, die Kranke nach Nizza zu schicken, dessen warme, geschützte Lage ihrer kranken Brust vielleicht noch Heilung bringen konnte. Die weiche Seeluft des Mittelmeeres, an dessen Ufern sich diese schöne Stadt hinzieht, umwehte die Kranke mit ihrem schmeichelnden Hauche und that ihr bald so wohl, daß sie in Agathes Begleitung täglich einen kleinen Spaziergang machen konnte. Die eifrige, kleine Gesellschafterin suchte der sanften Kranken alle Wünsche vom Auge zu lesen, und diese wieder dachte immer daran, das gute, junge Mädchen möglichst zu schonen und ihr Gelegenheit zu geistigen Beschäftigungen zu verschaffen, wonach sich, wie sie wußte, Agathes Herz so innig sehnte. Sie selbst war eine fein gebildete Frau und ließ sich von Agathe oft durch Vorlesen guter Bücher unterhalten; bessere Fortbildung aber fand sich für das junge Mädchen bald noch durch den Verkehr mit einem würdigen Geistlichen aus der französischen Schweiz, welcher dasselbe Haus mit ihnen bewohnte. Er hatte Agathes eifrige Lernbegierde bemerkt, und freundlich bot er ihr an, sie sowohl in der französischen Sprache als auch in einigen Wissenschaften zu unterrichten, da er, wie er sagte, seine Musestunden nicht besser ausfüllen könne. Gern gab die Kranke ihre Einwilligung, und mit innigem Entzücken widmete sich nun Agathe all den Dingen, nach denen sie im Hause des Onkels so vergebens verlangt hatte.
Diese innere Freudigkeit, verbunden mit der herrlich reinen Luft der Berge und der üppigen, kräftigen Kost, welche ihr jetzt geboten wurde, ließen auf Agathes Wangen bald frische Rosen erblühen. Das zarte, blasse Kind wuchs zur schönen, frischen Jungfrau heran, und voll wahrhaft mütterlicher Liebe verfolgte Frau von Menzel die körperliche wie geistige Entwickelung des jungen Mädchens. Schön und genußreich schwanden die Tage wie Stunden dahin, und die Liebe der Menschen, mit denen sie lebte, erwärmten Agathes Herz eben so sehr, als die herrliche Natur, welche sie umgab.
Der Herbst verging, und der Winter mit seinen rauhen Tagen zog in das Land. Aber die Lage Nizza's, welches im Norden und Osten geschützt und von milder Seeluft umgeben ist, verhindert die scharfen Winde, diesen Zufluchtsort der Kranken zu erreichen, an welchem sich die kleine Familie glücklich und wohl fühlte. Herr von Menzel hatte für einige Zeit nach der Heimath zurückkehren müssen, und da er die Kranke in Agathes treuen Händen wußte, verließ er sie mit ruhigem Herzen. Agathe schloß sich in dieser Zeit um so enger an die sanfte Frau an, die ihr immer mehr Freundin wurde und sie nie wieder von sich lassen wollte. Aber wenn die Kranke auch an keine Trennung dachte, so mußte es Agathe im Stillen nur zu häufig thun, denn sie bemerkte nur zu gut, wie die Krankheit der theuren Frau immer größere Fortschritte machte. Das milde Klima konnte das Leiden nur hinziehen, nicht heben, und mit tiefem, geheimen Kummer, aber heiterem Auge hörte sie, wie die Kranke Pläne auf Pläne entwarf, welch schönes Leben sie ferner mit einander führen wollten. Agathe küßte dann in dankbarer Liebe die schmale, abgezehrte Hand ihrer gütigen Freundin; aber in ihrem Herzen konnte sie solchen schönen Träumen keinen Glauben schenken. Der Winter war vorüber und für den nahenden Frühling und Sommer wählte die Familie einen anderen, den heißen Sonnenstrahlen weniger ausgesetzten Aufenthalt in den Schweizer Alpen. Agathe hatte die Freude, daß auch ihr Freund, der Geistliche, für einige Zeit mit ihnen zog; denn er hatte die Familie so lieb gewonnen, daß er sich nicht so schnell von ihnen trennen mochte. — Aber war es nun der Wechsel des Ortes, oder war es die, allen Brustkranken gefährliche Frühlingsluft, Frau von Menzel wurde bald so leidend, daß ihr Ende schneller herannahte, als selbst Agathe in den bangsten Stunden gefürchtet hatte. Mit stiller Ergebung trug der unglückliche Gatte die herannahende Trübsal, und Agathe wurde ihm sowohl durch ihre treue Pflege, als durch den tiefen Ernst ihres Gemüthes unendlich lieb und trostbringend. Die Kranke selbst ahnte ihren Zustand nicht. Sie wurde schwächer und schwächer; aber indem ihr blaues Auge wunderbar glänzte, sprach sie lächelnd von der schönen Zeit, in welcher sie wieder gekräftigt sein und sich der herrlichen Natur werde erfreuen können.
»Wie sehne ich mich, wieder in die warme Sonne zu kommen und den weiten, blauen Himmel sehen zu können!« sprach sie eines Tages freudig und wendete ihr Auge nach dem Fenster. »Tragt mich in's Freie, ich möchte der schönen Gotteswelt näher sein,« bat sie dann sanft, und langsam rollte ihr Gatte und Agathe das Ruhebett der Kranken an die offene Thür der Veranda.
»O wie wird mir so wohl, mir ist, als öffne sich mir der Himmel!« sagte sie begeistert und breitete die Arme aus; dann schloß sie die Augen und sank leise zurück. Eine selige Verklärung ruhte auf ihrem Antlitz; der Himmel hatte sich ihr wirklich geöffnet, sie schwebte empor zu der ewigen himmlischen Herrlichkeit.
Der Kummer des einsamen Gatten war so unsäglich tief und ergreifend, daß Agathe den eigenen Schmerz zu bekämpfen suchte, um den unglücklichen Mann trostreich zur Seite stehen zu können. Aber war sie allein, so stürzte Leid und Jammer um so mächtiger über ihr zusammen, und schluchzend kniete sie an der Hülle der lieben Verklärten, die ihr Freundin und Mutter geworden war. »O Gott, mein Gott!« betete sie inbrünstig, »was soll nun aus mir werden! Verlaß Du mich nicht; nimm mich in Deinen treuen Schutz, und führe mich gnädig weiter an Deiner Vaterhand. Allein bin ich nun wieder, allein und obdachlos; o nimm Du dich ferner der armen Waise liebend an!«
Und sie hoffte nicht vergebens. Wohl war jetzt ihres Bleibens nicht mehr in den bisherigen Verhältnissen; denn Herr von Menzel kehrte so schnell als möglich wieder nach der Heimath zurück, um die theure Hülle seiner Gattin in dem dortigen Erbbegräbniß der Familie beisetzen zu lassen. Aber ehe der Sarg der Verklärten geschlossen wurde, ergriff der Trauernde Agathes Hand und sprach mit tiefer Bewegung: »Meine liebe Agathe, Sie sind meiner Gattin theurer gewesen, als Sie glauben können. In Ihnen hat sie bis zu ihrem letzten Augenblicke eine treue Freundin und Tochter besessen. Welchen Trost auch mir Ihre Gegenwart gewährt hat, davon lassen Sie mich schweigen; aber es ist mir ein inniges Herzensbedürfniß, Ihnen zu zeigen, wie dankbar ich Ihnen bin und mein ganzes Leben hindurch sein werde. Ich glaube Ihnen davon einen, wenn auch nur geringen Beweis geben zu können, indem ich Sie bitte, mir die Sorge für Ihre weitere geistige Ausbildung zu überlassen. Sie wünschen sehr, Erzieherin werden zu können, das weiß ich, und Ihre schönen Anlagen befähigen Sie auch völlig dazu. Wollen Sie nun für ein Jahr als Zögling in das treffliche Erziehungsinstitut in Neufchâtel eintreten, um daselbst noch die letzte Ausbildung zu erhalten, so wird es mich freuen, einen Ihrer Wünsche erfüllt zu sehen. Alle Vorbereitungen zu Ihrer Aufnahme sind getroffen, und der Geistliche, Ihr würdiger Freund und Lehrer, wird Sie gern dahin begleiten, sobald Sie es wünschen.«