Agathe war wie in einem Taumel von Glück und Wonne. In demselben Momente, wo wieder alle schönen Hoffnungen entschwanden, und sie abermals angstvoll einer unsichern Zukunft entgegen blickte, stand sie am Ziele ihrer sehnlichsten Wünsche. Sie fand keine Worte, ihren Dank und ihre Freude auszudrücken; aber aus ihrem Auge leuchtete eine bessere Antwort, als der Mund zu geben vermochte. Ueber dem verklärten Antlitz der Entseelten reichte sie ihrem Freunde und Beschützer die Hand, und im stummen Danke zitterten ihre Lippen.
Herr von Menzel war abgereist, und traurig kehrte Agathe an der Seite des Geistlichen von dem Bahnhofe zurück, wo sie dem theuren Manne und seiner stillen, verklärten Begleiterin das letzte Lebewohl gesagt hatte. Der Geistliche hatte ihr gleich nach dem Tode der Kranken in freundlichster Weise angeboten, sein Haus in Genf und seine Familie für's Erste ganz als die ihrige zu betrachten, und Agathe hatte diese Zufluchtsstätte dankbar angenommen, bis sich eine andere Stelle für sie finden würde. Jetzt aber wünschte sie natürlich, sobald als möglich in jenes Pensionat einzutreten, und der Geistliche versprach schon andern Tages mit ihr nach Neufchâtel abzureisen.
Madame Reutin, die Vorsteherin der Anstalt, war von Agathe's Ankunft bereits unterrichtet und empfing das junge Mädchen mit großer Herzlichkeit. Agathe war eine der ältesten Pensionairinnen, und da Madame Reutin an den Schicksalen ihres neuen Zöglings großen Antheil nahm, und bald bemerkte, welchen Eifer dieselbe besaß, um sich möglichst viel Kenntnisse zu erwerben, so widmete sie ihr ganz besondere Aufmerksamkeit. Sie suchte das stille, sinnige Mädchen viel in ihrer Umgebung zu beschäftigen und zeigte ihr so viel Liebe, daß Agathe bald ihre Schüchternheit verlor und sich in den fremden Verhältnissen ungemein wohl fühlte. Der Unterricht war vortrefflich, und so reifte die begabte Agathe schnell zu einem geistig fein gebildeten Mädchen heran, welches nach Verlauf eines Jahres gar wohl befähigt war, die Stelle einer Erzieherin auszufüllen.
Herr von Menzel, mit dem Agathe in stetem brieflichen Verkehr war, bot ihr an, noch länger in der Anstalt zu bleiben, und Madame Reutin schlug ihr vor, die Stelle einer Hülfslehrerin zu übernehmen, da sie das sanfte Mädchen ungern von sich ließ. So entschloß sich denn Agathe, noch einige Zeit im fremden Lande zu bleiben, obwohl ihr Herz unbeschreiblich nach ihrer treuen Anne verlangte, welche ihr rührend zärtliche Briefe schrieb, zwar auf merkwürdig dickem Papier, und mit heftiger Verschwendung von Dinte, da die Buchstaben groß und gewaltig auftraten, und schwer zu entziffernde Hieroglyphen bildeten, aber nichts desto weniger die innigste Liebe und Anhänglichkeit aussprachen. Auch der Onkel und ihre Freundinnen aus der Pension schrieben Agathen fleißig, und jeder Brief erregte ihr so tiefes, gewaltiges Heimweh, daß nur der Wunsch nach fernerer Ausbildung sie noch von der Rückkehr in die Heimath abhielt. Ja Heimath, hatte sie denn überhaupt eine? Sie wußte ja gar nicht, wohin sie gehen sollte, verließ sie ihren jetzigen Aufenthalt. Dieser Gedanke hing sich immer wie ein Bleigewicht an ihren Wunsch, nach Deutschland zurück zu kehren, und sie hatte deshalb an Anne Sommer wie an ihre Freunde geschrieben, sich nach einer Stelle für sie umzusehen.
Fast zwei volle Jahre waren jetzt seit Agathes Abreise von Leipzig verstrichen, da erhielt sie eines Tages einen Brief von ihrer Freundin Fanny, welcher die frohe Kunde brachte von deren Verlobung mit einem jungen Gutsbesitzer. Mit dieser freudigen Botschaft aber verband sich noch eine zweite, welche Agathen betraf.
»Jetzt zu Dir, meine beste Agathe!« lautete Fanny's fröhlicher Brief. »Mein Bräutigam ist der älteste Sohn einer zahlreichen Familie, und seine beiden jüngsten Schwestern, Mädchen von 10 und 12 Jahren, können meiner Ansicht nach nicht länger ohne specielle Aufsicht bleiben. Auch ihr Schulunterricht scheint mir mehr als mangelhaft, was auf dem Lande freilich kein Wunder ist. Meine gute Schwiegermutter hat durchaus nichts dagegen einzuwenden, die jungen Springinsfelde unter die Zucht einer Erzieherin zu stellen, falls ich ihr eine verschaffen könnte, die, wie sie sagte, nicht gar zu störend in das Familienleben eingriffe. Sie hat etwas sonderbare Vorstellungen von allem, was Erzieherin heißt, und da ich sie von ihrem Vorurtheil gern kuriren möchte, so würde dies allein schon mich bestimmen, Dich, meine gute Agathe, dringend aufzufordern, diese Stelle bei meinen kleinen Schwägerinnen zu übernehmen. Tausend andere Gründe aber drängen sich außerdem noch herbei, um Dich mit Bitten zu bestürmen, vor allem meine grenzenlose Sehnsucht nach meiner liebsten Freundin. Komm, komm, so bald als möglich, meine Agathe; Du wirst von all' meinen Lieben mit offenen Armen erwartet und wirst Dich glücklich unter uns fühlen, dafür bürgt dir deine treuste Fanny.«
Ein Postscriptum fehlte dem Briefe nach junger Mädchen Art natürlich auch nicht; es lautete: »Uebrigens wirst Du Dich freuen, ein liebes, bekanntes Gesicht hier in unserer Nähe zu finden. Wem das aber zugehört, sage ich nicht; Du magst selbst kommen, es dir anzusehen.«
Das war denn allerdings eine so wundervolle Kunde, daß Agathe mit glühenden Wangen zu Madame Reutin eilte, ihr alles mitzutheilen und sie um Erlaubniß zur Heimkehr zu bitten.
Freudig willigte die gute Dame sogleich in Agathes Wünsche, und so ungern sie das brave Mädchen von sich ließ, so sehr freute sie sich doch andrerseits über die gute Wendung, welche deren Schicksal abermals genommen. Nicht ohne die tiefste Bewegung schied Agathe kurze Zeit darauf aus der Anstalt, wo ihr so viel Gutes zu Theil geworden, sowie aus dem herrlichen Lande, in dem sie eine reiche, glückliche Zeit verlebt hatte.