[Achtes Kapitel.]
Die Heimath.

In dem Herrenhause des Dorfes Schönfelde waren die jüngern Glieder der Familie seit dem frühen Morgen in großer Bewegung. Geschäftig liefen sie die breiten Treppen auf und nieder und hielten wichtige Zwiegespräche mit Gärtner und Stubenmädchen, die Kränze und Guirlanden aus den wenigen Blumen des Gartens zusammenwanden, welche die Herbstkälte noch übrig gelassen hatte. Bald thronte über der Hausthür ein mächtiger Kranz, in dessen Mitte das Wort »Willkommen« prangte, und frische Guirlanden umzogen die Thür des Wohnzimmers, in dem einige Kinder in großer Aufregung um ein blühendes, junges Mädchen versammelt waren, das sie mit Fragen bestürmten.

»Nicht wahr, Fanny, sie trägt keine Brille, wie die alte Fräulein Danton, Lucie Bülow's Erzieherin?« rief Marie, ein zwölfjähriges Mädchen.

»Und auch keine Schnupftabaksdose, nicht wahr?« setzte Hannchen hinzu, die jüngere Schwester. »Die Mama behauptet es.«

»Ob sie wohl Pferd mit mir spielen wird, Fanny? Ich will sie auch nicht so derb mit meiner Peitsche schlagen, als gestern den Anton; aber dann muß sie auch nicht heulen, wie der immer gleich thut!« rief der kleine Max und fuhr knallend mit der Peitsche durch die Luft.

»Ihr werdet's ja sehen, Kinder, macht mich doch nur nicht todt mit euren Fragen,« lachte das junge Mädchen. »Aber jetzt adieu; Friedrich fährt eben vor, und ihr wißt, die Pferde stehen nicht ruhig. Seid hübsch artig, daß meine liebe Agathe nicht gleich eine gar zu schlechte Meinung von euch bekommt. Adieu, adieu, ihr lustiges Corps!«

Fort flog der Wagen, in dessen Mitte das junge Mädchen fröhlich lachend thronte, noch lange gefolgt von dem gellenden Hurrah der kleinen Gesellschaft. Einige Stunden vergingen, und sie kehrte zurück, Freude und Glück in den lieblichen Zügen, denn an ihrer Seite saß die Freundin ihrer Jugend, unsere Agathe.

Was Fanny verheißen, das fand die Ankommende bestätigt. Offene Arme empfingen die neue Hausgenossin, gute treffliche Menschen hießen sie freudig in ihrer Mitte willkommen. Man kam ihr als der liebsten Freundin der Schwiegertochter mit Vertrauen und Herzlichkeit entgegen und dankte es ihr aufrichtig, daß sie die Erziehung der jüngsten Kinder zu übernehmen versprochen hatte, und so begrüßte man in ihr nicht die gefürchtete Erzieherin, sondern ein liebes, neues Glied der Familie. Agathe war unsäglich glücklich über solche Aufnahme; denn oft hatte ihr Herz gezittert, ob wohl die Erzieherin in dem vornehmen Hause auch gern gesehen und nicht vielleicht als fremder Eindringling behandelt oder gar als eine Art Dienstbote kalt und vornehm aufgenommen sein würde. Aber schon das Willkommen, das ihr von fern so freundlich entgegen leuchtete, sagte ihr, daß sie nichts zu fürchten habe, und all die guten, frohen Gesichter, welche sie umdrängten, sprachen gar wohlthuend zu ihrem zagenden Herzen. Frau von Wedell, die Herrin des Hauses, umarmte sie gleich beim Eintritt, und bald erschien auch der Gutsherr selbst, Agathen in einfach herzlicher Weise willkommen zu heißen.