Bald war die junge Erzieherin in dem Familienkreise heimisch, und nun begann ein Leben voll Lust und freudiger Arbeit. Mit regem Eifer machte sich Agathe an die Aufgabe, die ihr gestellt war, die Erziehung der beiden Mädchen Marie und Hannchen. Aber auch der wilde Max wurde von ihr mit Beschlag belegt, und den Fleiß ihrer Schüler belohnte die fröhliche junge Lehrerin gern damit, daß sie sich an den Spielen betheiligte, welche sowohl Max als die kleinen Mädchen in den Freistunden vornahmen. Ueberhaupt war Agathe jetzt so heiter und frisch, daß man das einst so traurige, blasse Mädchen gar nicht wieder erkannte. Frau von Wedell gestand lachend, daß sie freilich eine ganz andere Vorstellung von einer Erzieherin gehabt habe, da sie sich dieselbe nie anders als keifend und verbissen, und mit den wunderlichen Attributen einer alter Jungfer versehen, habe denken können.
Agathe hatte in der ersten Zeit die Freude, ihre liebe Fanny, die für einige Wochen zum Besuch ihrer Schwiegereltern gekommen war, im Hause zu sehen. Der Bräutigam war ein frischer, liebenswürdiger junger Mann, der im kommenden Jahre ein zweites Gut des Vaters bewirthschaften sollte, und mit Ungeduld dieser Zeit entgegen sah, da er alsdann seine Fanny als junge Frau daselbst einführen wollte.
»Aber das liebe, bekannte Gesicht, von dem du mir geschrieben, Fanny, wo ist das?« sagte Agathe bald nach ihrer Ankunft und spähte suchend überall umher. — »Du hast doch nicht etwa meine alte Anne hierher entführt, da du weißt, sie schwärmt für Entführungen?« fuhr sie scherzend fort, denn im Stillen hatte sie jetzt keinen größeren Wunsch, als dies treue Wesen wiederzusehen.
»Nein, Agathe, die alte Soldatenfrau holen wir nächstens einmal auf ein paar Wochen zu uns; Leipzig ist ja nur drei Stunden von Schönfelde entfernt,« sagte Fanny, welche sich diese Erlaubniß schon von ihrer Schwiegermutter erbeten hatte, da sie wußte, welche Freude sie dadurch Agathen bereitete.
»Nein, mein Schätzchen, du mußt besser rathen!« fuhr sie neckend fort. »Giebt es denn gar kein liebes Gesicht mehr unter der Sonne, als das alte, verwitterte Antlitz deiner Frau Corporalin? Besinne dich doch!«
Aber Agathe besann sich nicht; sie wußte ja gar nicht, wohin sie ihre Gedanken wenden sollte. Sinnend blickte sie zum Fenster hinaus, das von schönen alten Linden beschattet wurde. Da schrak sie plötzlich zusammen, und ein Ausruf freudiger Ueberraschung kam über ihre Lippen.
»Fanny, ist das nicht unser Lehrer, Herr Lobner?« rief sie, auf einen Herren deutend, der eben in einiger Entfernung an dem Hause vorüber ging.
»Nun ja, erkennst du ihn wirklich?« lachte Fanny fröhlich. »Ich dachte schon, du hättest deine besten Freunde vergessen, du leichtsinniges Kind!«
»Aber wie kommt der hierher, liebste Fanny?« rief Agathe, freudig erglühend.