»Um deinetwillen nicht, mein Töchterchen, denn er hat von deinem Hiersein keine Ahnung,« neckte Fanny. »Er ist wohlbestallter Prediger im Pfarrdorf Schönfelde, und wird die Ehre haben, Seelsorger seiner einstigen, liebsten Schülerin von nun an zu werden. Wie gefällt dir das, Schätzchen?«

»Fanny, ist das wahr? Ist unser lieber, lieber Herr Lobner wirklich hier Prediger?« rief Agathe jetzt strahlend vor Freude und ergriff Fanny's Hand.

»Meinst du, er tauge nicht dazu? Nun dann geh morgen in die Kirche, und überzeuge dich selbst. Es ist Sonntag; um 9 Uhr hält er die Predigt,« sagte Fanny.

»Aber das ist ja herrlich!« jubelte Agathe, Fanny umarmend. »Wie ist das denn nur gekommen? Wer hat ihn denn hierher gezogen?«

»Nun Papa Wedell, dem er so gefiel, als er sich um die Stelle bewarb, daß er ihn auch ohne meine Fürsprache in die leerstehende Pfarre eingesetzt hätte,« rief Fanny. »Aber wie gesagt, daß er hier seine kleine, blasse Freundin aus der Pension ebenfalls in Amt und Würden finden sollte, davon hat er bis jetzt keine Ahnung. Der Anblick dieser Ueberraschung soll mein Lohn für all die Mühe sein, die ich mir um euch alle Beide gemacht habe.«

Wessen Freude über das Wiedersehen größer war, ob die Agathes oder die ihres einstigen Lehrers, wäre freilich schwer zu entscheiden gewesen. Die schelmische Fanny, der Herr Lobner seine Stelle verdankte, hatte demselben wirklich Agathes Ankunft verheimlicht, und kaum traute dieser seinen Augen, als ihm das junge Mädchen an der Seite ihrer Freundin entgegen kam.

Es war ein frohes Wiedersehen, und doch voll tief innerlicher Bewegung; denn an Agathe's Seele zog all das vorüber, was sie in der Zeit erlebt, welche zwischen jenem Abschiede in dem Zimmer des theuren Lehrers und dem jetzigen Augenblicke lag.

»Gott hat seine Hand wunderbar über Ihnen gehalten, liebe Agathe!« sagte der junge Geistliche freundlich, als das junge Mädchen ihm ihre Schicksale mitgetheilt hatte. »Ich hätte nicht geglaubt, daß mir so bald die Freude werden würde, Sie wieder zu sehen, und nun gar unter so erfreulichen Verhältnissen. Irre ich nicht, so haben Sie wie ich, Ihren jetzigen Wirkungskreis Ihrer gütigen Freundin zu danken, durch deren Fürsprache auch ich meine Stelle erhalten.«

Fanny wies allen Dank von sich und behauptete, sie habe nur aus purem Eigennutz sich für ihre alten Freunde verwendet; denn da sie selbst nun bald in der Nähe residiren werde, so wollte sie doch im Voraus schon für freundliche Nachbarschaft sorgen.

Jetzt begann eine so reiche, wundervolle Zeit für Agathe, daß diese Gott nicht genug dafür danken konnte, der sie in dies Haus geführt hatte. Ihr Wirkungskreis befriedigte sie täglich mehr und mehr; die etwas verwilderten Zöglinge gewannen unter Agathes milder und kluger Leitung sichtlich an gutem Betragen wie an Kenntnissen, und alle Bewohner des Hauses betrachteten die junge Erzieherin als liebes Familienglied. Mehrere Abende der Woche verbrachte Herr Lobner in der Familie des Gutsherrn, und diese Stunden waren für Agathe unschätzbar. Ihr einstiger Lehrer war ihr jetzt ein treuer Freund geworden, der ihr als kluger und besonnener Rathgeber in allen den schwierigen Fragen zur Seite stand, über welche ein so junges, unerfahrenes Mädchen bei der Erziehung verschiedenartiger Kinder zweifelhaft sein mußte.