Bald kam denn nun auch die alte, treue Anne Sommer in das Herrenhaus, und das war ein Fest nicht nur für Agathe, sondern auch für die ganze übrige Familie; denn jeder gewann die brave, wunderliche Alte lieb, und ergötzte sich an der Soldatensprache, wie an den handfesten Manieren derselben. Die Kinder besonders hingen wie die Kletten an ihrem rothen Frießrock und konnten nie müde werden, die prächtigen Geschichten anzuhören, die sie ihnen erzählte, und die stets von Krieg und Soldatenwesen handelten.
An ihrem Goldkinde Agathe hing die Alte, wenn es möglich war, noch viel zärtlicher, als früher, und die Freude über deren blühendes Aussehen, wie über das Glück, das aus ihren schönen Zügen sprach, machte sie ordentlich wieder jung. »Hätte das nur ihre arme Mutter noch erlebt,« sagte sie oft leise vor sich hin, »dann wäre sie ruhiger zum großen Appell gegangen, zu dem sie der große Kriegsherr im Himmel so zeitig abgerufen, die liebe Seele! Aber ihr Segen ruht auf dem Kinde, das ist sicher!«
Die Alte kehrte nach einigen Wochen wieder nach Leipzig zurück, doch blieb sie ein häufig wiederkehrender und immer gern gesehener Gast in Schönfelde. Die Nachrichten, die sie Agathen aus dem Hause des Onkels brachte, zeigten, daß dort noch alles seinen ehemaligen, stillen Fortgang hatte, bis auf eine große, erschütternde Begebenheit — Bello war gestorben! — Auf seinen rothseidnen Kissen lag er eines Morgens kalt und todt, und keine heiße Thräne seiner trostlosen Herrin konnte den geliebten Freund wieder ins Leben zurück rufen. Ein kleines Grab, von Blumen überdeckt, bezeichnete im Garten einer Freundin die Stelle, an welcher die geliebte Hülle ruhte. Noch vermochte kein Nachfolger seine Stelle zu ersetzen, und Agathe dachte mit Freuden daran, daß die alte, gute Cousine dadurch für einige Zeit eine lästige Arbeit weniger hatte.
In angenehmer Weise vergingen Agathen die langen Wintertage, und wieder schaute endlich der fröhliche Lenz zum Fenster herein und verkündigte seine Ankunft durch weiche Luft und duftende Blumenglocken, welche unter dem schmelzenden Schnee zum Vorschein kamen.
Aber mit der überall erwachenden Fröhlichkeit zog abermals eine Fülle neuer Freuden in das Herz unserer Agathe. Werfen wir einen Blick zum Fenster hinaus, und sehen wir die lange Kastanienallee hinab, in welcher die Baumzweige schon große, braune Knospen tragen, so zeigen sich uns zwei Personen, die still und schweigend neben einander gehen. Ihr Mund ist jetzt stumm, aber was er soeben gesprochen, das leuchtet noch wunderbar in den Augen der Beiden, welche mit unaussprechlicher Liebe auf einander blicken. Agathe ist soeben die Braut ihres Freundes und Lehrers, des braven Pfarrers Lobner geworden. Was damals schon die Seelen Beider verband, als Lobner von Agathe Abschied nahm und als einziges Andenken das kleine Schreibebuch von der Schülerin erbat, das war fort und fort lebendig in ihnen geblieben, und hatte nun, da sie sich auf ihrem Lebenswege so bald wieder begegneten, feste, dauernde Gestalt erhalten. Längst schon ahnten Beide, daß sie einander theuer waren; jetzt wußten sie es, jetzt gehörten sie einander für das Leben.
»Also das wäre mir geglückt!« rief Fanny, voll Freude in die Hände schlagend, als sie die Verlobung ihrer beiden Freunde erfuhr. »Ich bitte mir die Ehre der Anerkennung aus; mir kommt das Verdienst zu, euch Beide zusammen gebracht zu haben. Denn, meine liebe Agathe, nimm mir's nicht übel, allen Respect vor deinen Talenten in der Erziehungskunst, aber wahrlich, es war mir viel mehr darum zu thun, dich wieder in die Nähe unseres lieben Freundes Lobner zu bringen, als meinen kleinen Rangen von Schwägerinnen eine Erzieherin zu verschaffen. Deshalb hätte ich dich nicht so knall und fall aus der Schweiz hercitirt. Aber Gelegenheit macht Diebe. Mit meiner Pfarrerwahl war mir's so trefflich gelungen, nun fehlte nur noch eine nette, kleine Pfarrfrau dazu. Und wen hätte ich meinen neuen Herrn Pastor, sowie mir selbst besser dazu wählen können, als die Verfasserin jenes kleinen, ominösen Schreibebuchs, das in der Bibel unseres sehr ehrenwerthen Herrn Pastor Lobner seinen Platz erhielt, als das Heiligste, was besagter Herr im Besitz hat?«
Der glückliche Pfarrer zog seine erglühende Braut an das Herz; der schelmischen Fanny aber drohte er mit dem Finger und sagte lachend: »Warten Sie nur, Sie Schelm; das ist gewiß die Rache dafür, daß die schöne Tasse nicht mehr lebt, die eine leichtsinnige Schülerin mir einst als Andenken schenkte. Aber nur Geduld, jetzt werde ich die Scherben all' wieder zusammen suchen, und als ewige Erinnerung sollen diese Reste unter dem Bilde der Freundin aufgestellt werden, welches einst über dem Nähtischchen der jungen Frau Pastorin Lobner hängen wird«.
Wieder blühten die Rosen und Lilien in den Gärten, und die Linden neigten ihre vollen Blüthenbüschel zur Erde herab, gerade wie an jenem Tage, an dem einst Agathe verlassen und einsam in den Baumgängen Leipzigs dahinschritt, bis sie von den Armen ihrer treuen Anne umfangen wurde, und neue Freude und Hoffnung in ihr Herz einzog. Auch heute schaute das alte Gesicht der Soldatenfrau in die glänzenden Augen ihres Lieblings, und ihre rauhe Hand strich schmeichelnd über die zarte Wange des Mädchens. Aber Muth und Trost brauchte die alte, treue Seele ihrem Goldkinde heute nicht zuzusprechen, denn das reinste Glück spiegelte sich auf dem holden Gesicht derselben. Die blühende Myrthe schmückte Agathes dunkle Locken, und Brautkleid und Schleier verkündeten, daß der schönste Tag ihres Lebens gekommen war.