Frida schüttelte ungläubig den Kopf und war im Herzen außerordentlich indignirt über den Geschmack ihrer Cousinen. Mit den Knechten aber je zu tanzen, dazu sollte sie sicher nichts bewegen. Es wäre ja eine Schmach für das feine Fräulein, das sich bisher nur in aristokratischen Kreisen bewegt hatte. Aber sie behielt ihre Gedanken für sich und sagte ihren Cousinen gute Nacht, denn sie war müde von all dem Neuen, was sie umgab.

Als sie am andern Tage erwachte, hörte sie schon viel reges Leben im Hause, und doch war es für Frida noch eine so frühe Stunde, daß sie im Vaterhause sich noch ruhig auf die andere Seite gelegt hätte, um weiter zu schlafen. Hier jedoch fing der Tag früher an, wie sie merkte, und seufzend wickelte sie sich aus dem schweren Federbett heraus, das sie am Abend aufgenommen hatte. Aber mit welchem Seufzer dachte sie nun daran, daß sie sich ganz allein anziehen müsse und keine helfende Jungfer zur Seite habe. Jetzt erst merkte sie, wie verwöhnt sie war, und wie Recht ihre Stiefmutter hatte, welche ihr freundlich gerathen, ihren Anzug möglichst selbst zu besorgen und sich nicht von Anderen abhängig zu machen, was oft sehr unbequem werden könne. Ach jetzt war es entsetzlich unbequem, sie sah es wohl ein; denn fast weinend vor Verdruß gerieth sie mit Kämmen und Bürsten, Bändern und Haken und allen andern Gegenständen der Toilette in Krieg und Feindschaft. Endlich schaute Hannchens frisches Gesicht zur Thür herein.

»Gut geschlafen, Cousinchen?« rief sie fröhlich.

»Danke, leidlich,« erwiederte Frida verstimmt.

»Ich will dir bei der Toilette ein Bischen helfen, wenn du erlaubst,« fuhr Hannchen freundlich fort und griff gleich nach all den Gegenständen, welchen Frida Urfehde geschworen hatte. Aber freilich die Toilette einer eleganten Stadtdame war für Hannchen ein Buch mit sieben Siegeln. Fragend hob sie bald dies, bald jenes empor, dessen Zweck ihr fremd war, vor allem aber wußte sie mit den Chignons und Locken, welche Frida's Haarputz vervollständigen sollten, absolut nichts anzufangen.

»Wirf die Dinger in den Kasten, was willst du hier damit!« rief sie endlich, und Frida wußte auch keinen andern Rath. Dann schlang Hannchen das schöne Haar ihrer Cousine in zwei lange, glatte Flechten, wand dieselben einfach um deren Kopf und führte Frida nun triumphirend vor den Spiegel.

»Du siehst zum Verlieben hübsch aus mit diesem glatten Köpfchen!« rief Hannchen bewundernd; Frida aber mochte ihr Spiegelbild kaum eines Blickes würdigen, denn sie fand sich abscheulich. Was kam hier jedoch darauf an, wie sie aussah? Für diese altmodische, einfache Familie war sie gut genug, und selbst im Morgenrock noch zu elegant, und von ihren städtischen Bekannten sah sie ja zum Glück niemand in solchem Aufzuge.

Mit wahrem Hohn dachte sie jetzt an all die zierlichen, eleganten Anzüge, welche ihre hohen Koffer bargen, und die sie gar nicht auspacken mochte. Die waren freilich hier von Ueberfluß, das wußte sie jetzt und bedachte dies mit stillem Seufzen. Sie wählte unter all den schönen Dingen ein einfaches Kleid aus, das freilich immer noch viel zu elegant für dies Haus war, und folgte dann Hannchen zu den übrigen Gliedern der Familie.

Ihr Vater saß ganz behaglich mit Onkel Bremer in der Sophaecke und rauchte sein Pfeifchen, und Frida hörte voll Staunen, daß er schon seit zwei Stunden in Feld und Wald mit dem Schwager umhergestrichen war. Lächelnd nickte er seinem Töchterchen zu und rief: »Sieh da, Frida, wie schmuck und nett du heut aussiehst. Diese glatten Zöpfe sind hübscher als deine hohe städtische Frisur, das gefällt mir gut.«

Frida erröthete und Hannchen blickte triumphirend auf ihr Werk. Dann gingen die jungen Mädchen zum Frühstück, mit dem man auf Frida gewartet hatte, und alles begrüßte das neue Glied des Hauses mit einem fröhlichen »guten Morgen!«