Es war ein guter Geist, der in diesem Hause lebte, das sah und empfand Frida gar bald, und trotz allem, was ihr hier unerträglich erschien, fühlte sie sich durch den Zauber dieses Geistes schon in kurzer Zeit gefesselt. Wie lebendig und laut es auch oft um sie her war, nie hörte sie unfreundliche oder lieblose Worte, und selbst die unbändigen, kleinen Knaben gehorchten schnell und ohne Murren, wenn die Eltern oder die älteren Geschwister sie zurechtwiesen. Besonders schön aber war das Verhältniß zwischen den erwachsenen Töchtern und ihrer Mutter, und mit tiefer Beschämung gedachte Frida ihres Betragens im Vaterhause, wenn sie sah, mit welcher Verehrung und Liebe, welcher dienstfertigen Aufmerksamkeit Charlotte und Hannchen den Wünschen der Mutter entgegen kamen, und wie dankbar sie jede kleine Zurechtweisung aufnahmen. »Ja, es ist ihre rechte Mutter, mit einer Stiefmutter wäre es gewiß auch anders,« seufzte Frida wohl im Stillen, um sich selbst zu entschuldigen; daß sie sich aber auch gegen ihren Vater oft unartig und launisch betrug, obwohl es ihr »rechter Vater« war, das mochte sie sich kaum eingestehen.
Schon kurze Zeit nach ihrem Eintritte in das Haus ihrer Verwandten beklagte sich Frida bitter gegen Tante Marie über das Leid, das Papa ihr angethan, indem er wieder geheirathet hatte. Aber voll Verwunderung hörte sie, daß Tante Marie diesen Schritt des Schwagers vollständig billigte.
»Aber Tante, meine Mutter war ja doch deine Schwester; wie kannst du dich freuen, daß ihre Stelle durch eine Andere ersetzt worden ist?« rief Frida verletzt.
»Gerade weil ich meine Schwester so innig liebte!« entgegnete Tante Marie. »Könntest du deine theure Mutter selbst fragen, meine liebe Frida, so würdest du hören, wie glücklich es sie machte, ihren Mann wieder ruhig und zufrieden, ihre armen, kleinen Kinder in treuer Obhut, und ihre heranwachsende Tochter an der Seite einer erfahrenen, liebevollen Freundin zu wissen. Ich bin keine sentimentale Natur, mein liebes Kind, welche sich nur unpraktischen Wünschen und Gefühlen hingiebt, und obwohl ich recht wohl weiß, daß einem Manne nichts in der Welt die erste Jugendliebe ersetzen kann, und die Wunde, welche der Tod ihm da schlägt, ewig bluten wird, so bin ich doch der Ansicht, es ist sowohl für ihn selbst wie für seine jungen Kinder ein Glück, wenn er ein treues, weibliches Wesen findet, das ihm in Herz und Haus wieder Glück und Frieden bringt. Und wie ich deine zweite Mutter kenne, so ist sie ganz dazu geschaffen, das schöne Amt, das Gott ihr anvertraut, treu zu erfüllen. Und auch du, meine liebe Frida, wirst dich mit dem Gedanken aussöhnen, das weiß ich sicher, so traurig du auch jetzt den Kopf dazu schüttelst. Wäre Gertrud jung und unerfahren, so würde ich um deinetwillen die Wahl deines Vaters mißbilligt haben; denn einer fast erwachsenen Tochter muß der Vater keine junge Stiefmutter bringen, das thut nimmer gut aus tausend Gründen. Aber Gertrud könnte den Jahren nach ja deine eigne Mutter sein, und sie hat so viel Trübes im Leben erfahren, daß sie gereiften und ernsten Sinnes zu euch kommt. Vertraue ihr nur getrost, mein liebes Kind; du kannst keine bessere Freundin erhalten, als dein Vater dir in dieser zweiten Mutter gegeben hat.«
Frida wagte auf diese Worte nichts zu entgegnen, denn sie fühlte wohl, daß es unlautre Gründe waren, welche sie gegen ihre Stiefmutter einnahmen, und daß besonders die Beschränkung ihrer Launen und ihres übermäßig freien Willens sie so dauernd empörte. Sie hatte gehofft, an der Schwester ihrer Mutter eine Bundesgenossin zu finden, welche völlig so eingenommen gegen Gertrud war, als sie selbst. Da sie nun aber sah, wie anders Tante Marie den Schritt des Vaters beurtheilte, nahm sie sich vor, solch Gespräch nie wieder in Anregung zu bringen, sondern ihren Verdruß im Herzen zu verschließen; verstanden wurde sie ja doch nicht. Auch gegen ihre Cousinen mochte sie über diesen Gegenstand nicht sprechen, sie kannten ja die Verhältnisse nicht. Wie anders freilich war das zu Haus, wo sie gegen ihre Freundinnen ihr Herz ausschütten konnte und bei diesen zehnfaches Echo fand! Wie wurde sie von diesen bedauert wegen des Unrechtes, das ihr geschehen, und wie bestärkten sie diese klugen, jungen Mädchen in der Opposition, welche sie der unwillkommnen Stiefmutter entgegen zu bringen entschlossen war. Im Kreise dieser jungen Backfischchen hatte Frida stets neue Nahrung für ihre Gefühle gesucht und gefunden, und wenn Gertruds sanfte, liebevolle Weise oft schon auf Frida's Herz ihren günstigen Einfluß geübt, dann waren es die leidenschaftlichen Rathschläge und Ansichten dieser Freundinnen, und besonders Franziska's, welche alles wieder verdarben. Gertrud ahnte das wohl, denn sie kannte einige dieser jungen Mädchen; aber dennoch wagte sie nicht, Frida den Umgang mit denselben zu verbieten, die Sache wäre dadurch nur schlimmer geworden.
Hier nun im Hause der Tante machte das friedliche Leben bald seine Rechte auf das junge Mädchen geltend, und da jene leidenschaftlichen Empfindungen nirgends Anklang und Nahrung fanden, wurden sie stiller und stiller, und endlich dachte Frida gar nicht mehr mit jener Abneigung an Gertrud, welche sie bis dahin erfüllt hatte. Die Briefe aus der Heimath waren Boten der Freude; das Vaterhaus strahlte aus der Ferne bald wieder in freundlichem Glanze zu ihr herüber, und der Gedanke, bei ihrer Rückkehr wieder in jenes verhaßte Verhältniß zur Stiefmutter einzutreten, nahm mehr und mehr eine andere Färbung an, je länger Frida vom Hause fort war.
Als am ersten Tage gleich früh Morgens alles an die Arbeit eilte, wie es in diesem Hause Sitte war, sagte Tante Marie in ihrer schlichten Weise zu Frida: »Nun, mein liebes Töchterchen, da du ganz als Familienglied und Kind des Hauses bei uns sein sollst, versteht es sich auch, daß wir keine Umstände mit dir machen. Jeder geht an seine Geschäfte wie alle Tage. Charlotte hat heut die Küche unter ihrer Leitung, Hannchen ist seit dem frühen Morgen schon in der Milchwirthschaft beschäftigt, Martha besorgt soeben die Hühner und dann nimmt sie sich der Kleinen an, während ich mit Hermann im Keller Bier auf Flaschen füllen will. Magst du einem von uns Gesellschaft leisten, so soll es uns lieb sein; willst du aber lieber lesen oder musiciren, oder dich im Garten ergehen, so findest du hier Bücher und Noten und manch hübsches Plätzchen draußen im Freien. Ich will dir die Kinder zur Gesellschaft schicken, wenn Martha ihnen Urlaub giebt; denn bei ihr haben sie Schule. Das Mädel ist ein geborner Schulmeister, sage ich dir.«
Frida zog es vor, im Zimmer bei Büchern und Clavier zu bleiben, und so verließ sie die Tante, um den tausend Geschäften nachzugehen, welche ihrer harrten. Das junge Mädchen sah sich nun allein mitten unter all den vielen thätigen Menschen, welche sie umgaben und kam sich unendlich überflüssig in diesem Hause vor. Sie ergriff ein Buch und las ein Wenig; aber ihre Gedanken flogen davon fort, bald zurück in die Heimath, bald den Stimmen nach, welche sie hier und dort hörte. Dann versuchte sie die Noten, welche auf dem Clavier lagen; aber sie fand dieselben altmodisch und langweilig und das Instrument gar zu klanglos. Es war ja ein Jammer, daß sie ihre Uebungen auf solchem »Rumpelkasten« halten sollte; zu Hause hatte sie einen so prachtvollen Flügel von Papa erhalten. Sie stand ärgerlich auf und suchte andere Unterhaltung; aber alles mißfiel ihr. Ein Gefühl von Verdruß überkam sie mehr und mehr, daß niemand sich um sie bekümmerte, gerade als wäre sie gar nicht in der Welt! Und sie war doch Gast hier im Hause und an Vernachlässigungen überdies in keiner Weise gewöhnt. Was in aller Welt sollte sie hier anfangen, wo jeder nur an sich selbst dachte, jeder seiner Arbeit nachging, ohne danach zu fragen, ob sie sich indessen zu Tode langweilte? Das war ja wirklich nicht zu ertragen!
Frida's Verstimmung wuchs von Minute zu Minute, bis endlich die Langeweile sie bewog, da man sich nicht um sie bekümmerte, selbst den ersten Schritt zu thun und zu ihren Cousinen zu gehen. Sehr verlockend freilich war es nicht, sie bei ihren Arbeiten aufzusuchen; aber was thut man nicht, um sich die Zeit zu vertreiben! Sie ging in die Kinderstube, wo Martha beschäftigt war, ihren beiden kleinen Geschwistern Lesestunde zu geben, während das dreijährige Brüderchen daneben spielte und sich aus Bausteinen einen Palast erbaute.
Bei Frida's Eintritt blickten die Kinder von ihren Beschäftigungen auf, und die kleine Marie sprang dem jungen Mädchen fröhlich entgegen.