»Wo steckt ihr denn nur alle?« sagte Frida gereizt, »und wo ist Hannchen und Charlotte geblieben?«

»Ich dachte, du wärest bei ihnen, liebe Cousine,« entgegnete Martha etwas schüchtern. »Ich muß die Kinder einige Stunden beschäftigen; Hannchen ist im Milchkeller und Lottchen in der Küche. Sie denken wohl, da ist keine Unterhaltung für dich. Willst du bei uns bleiben?«

»Ich werde Hannchen aufsuchen,« sagte Frida kurz; denn sie fand es schon bei ihren kleinen Geschwistern zu Hause unter ihrer Würde, sich mit diesen abzugeben, wie viel mehr noch diesen kleinen Bauernkindern gegenüber; denn etwas anderes als Bauernkinder waren die dicken, kleinen Posaunenengel doch wirklich nicht.

»Mariechen, lauf und zeige Frida den Milchkeller!« rief Martha der kleinen Schwester zu, und diese ergriff zutraulich die Hand der Cousine und zog sie mit sich fort. Sie hatten den großen Hof zu durchschreiten, den allerlei Federvieh und anderes Gethier belebte. Es hatte in der Nacht geregnet, und in Folge davon war der Hof etwas unsauber, besonders in der Nähe einiger Ställe, an denen sie vorüber schritten.

»O Gott, meine Stiefeln! Ist das ein Koth hier bei euch!« rief Frida und blickte voll Entsetzen auf ihre hellfarbigen, zierlichen Stiefelchen, welche in diesem unvermeidlichen Unrath schon nach wenig Minuten feucht und unsauber geworden waren. »Warte, ich hole dir Holzpantoffeln!« rief Marie und kam sogleich mit einem solchen Paar zurück, während ein zweites lustig an ihren eigenen, kleinen Füßen klapperte. Frida versuchte darin zu gehen, unmöglich! Sie ging wie auf Stelzen und fiel nun erst recht in die Pfützen. Aergerlich erreichte sie endlich ihr Ziel und kroch die Stufen hinab, welche in den Milchkeller führten. Hannchen kam ihr hier fröhlich entgegen, das Kleid aufgeschürzt und in der Hand einen breiten Löffel, mit dem sie soeben die Sahne von den zahllosen Milchschüsseln abrahmte, welche ringsum im Keller standen. Frida trippelte zaghaft näher, denn ihr war sehr unbehaglich zu Muthe. Für ihre dünnen, nassen Stiefelchen war dieser feuchte, von Milch hier und dort getränkte Fußboden noch schlimmer, als draußen der schmutzige Hof; auch umgab sie hier eine so kalte Kellerluft, es roch so unangenehm nach Milch und Molken, sie wäre am liebsten gleich wieder fortgelaufen. Hannchen ging ruhig weiter von Schüssel zu Schüssel, ohne sich in der Arbeit stören zu lassen, und das verdroß Frida auch. Was sollte sie hier, sie war ja nur im Wege und erkältete sich am Ende noch bis auf den Tod. Aber jetzt lächelte Hannchen ihr so freundlich zu und schien so erfreut, sie hier zu sehen, da durfte sie doch nicht gleich wieder davon laufen. So hob sie denn ihr helles, reichgarnirtes Kleid sorgfältig auf und trippelte hinter Hannchen drein von einer Milchsatte zur andern.

»Was machst du nur eigentlich, Hannchen?« rief sie nach einer Weile, als sie sah, wie jene überall sorgfältig mit dem breiten Löffel die dicke Sahne von der geronnenen Milch abschöpfte. »Du verdirbst ja die ganze saure Milch! Wer soll die denn genießen, wenn du die Sahne herunternimmst?«

Hannchen lachte herzlich und sagte: »Die Schweine, Cousinchen! Etwas bleibt zur Bereitung von Käse, das Uebrige wird Viehfutter. Auf den Tisch kommt solche abgerahmte Milch nicht, habe keine Furcht!«

»Aber wer soll denn all die Sahne essen, die du da sammelst?« fragte Frida weiter.

»Essen? Gott bewahre, das wäre schön!« rief Hannchen. »Daraus soll ja die Butter für's ganze Haus gemacht werden.«