»Hier sind nur einige von unsern Glucken,« sagte Charlotte, einen engen, dunklen Stall betretend, in dem einige Hennen still in Körben saßen, die mit Stroh ausgefüllt waren. »Der eigentliche Brütstall steht unter Mutters Leitung, du mußt dich einmal von ihr mit dahin nehmen lassen. Das hier ist mein Privatbesitz; die Hennen schenkte mir der Herr Pastor an meinem Geburtstage, und er soll nun auch die ersten Küken davon haben.«
Vorsichtig hob Charlotte nun eine Henne nach der andern empor und untersuchte die unter ihr liegenden Eier. »Die gelbe Kronenhenne sitzt am längsten, unter ihr scheint es mir lebendig zu werden,« sagte sie mit leuchtenden Augen und kniete neben derselben nieder »Sieh da, zwei Kleine sind glücklich an's Tageslicht gekommen!« rief sie freudig und zog Frida zu dem Korbe herab, von dem sie die laut gackernde Glucke an den Flügeln empor gehoben hatte. Zwei kleine Küken krabbelten da vergnüglich im Stroh herum, und das Eine hatte noch ein Stück Eierschale auf dem Kopfe.
»Faß einmal das Ei da an, Frida, aber vorsichtig,« sagte Charlotte, auf eines der im Neste liegenden Eier zeigend. Frida blickte hin und nahm das Ei zögernd in die Hand, legte es aber sogleich wieder hin, einen leisen Ruf der Ueberraschung ausstoßend. Aus der Schale des Eies sah nämlich ein kleiner, spitzer Schnabel hervor, dem gleich darauf ein dunkles Köpfchen folgte, das sich durch die Eierschale hindurch arbeitete.
Die Federchen lagen feucht und zusammengeklebt auf dem runden Köpfchen, die Aeugelchen blickten aber ganz vergnügt daraus hervor. Nach einer Weile hatte sich das ganze Körperchen aus der Schale herausgearbeitet und zappelte mit den Resten seines kleinen Gefängnisses in Gesellschaft der andern Kükel im Stroh umher. An einem daneben liegenden andern Ei war auch schon ein großer Sprung; man hörte leise picken und sah, wie von innen ein spitzes Schnäbelchen an der Umhüllung bohrte, um sie zu durchbrechen. Frida war außer sich vor Entzücken und wollte gar nicht fort von dem Korbe, denn so etwas Reizendes war ihr noch nie vorgekommen. Charlotte aber nahm die Küken heraus und setzte dann die Glucke vorsichtig wieder auf den Korb. »Länger darf ich das Nest nicht unzugedeckt lassen, die Eier werden sonst kalt,« sagte sie. »Die Kükel aber thun wir hier in den Federtopf, daß die Alte sie nicht zertritt, bis alle heraus sind.«
Frida war glücklich wie ein Kind, als Charlotte ihr die kleinen Hühnchen in die Hand gab, damit sie dieselben in den Federtopf tragen sollte. Als Charlotte ihr aber sogar versprach, die Kükel der nächsten Glucke wollte sie ihr schenken, diese ersten müsse der Herr Pastor haben, da sprang sie jubelnd in dem engen Stalle umher und umarmte und küßte Charlotte vor Wonne. Kein kostbarer Schmuck und kein neues Kleid hätte dem jungen Mädchen eben jetzt solche Freude machen können, als der Besitz solch kleiner, spashafter Küken, wie diese, die leise piepsend in dem Federtopfe über einander kugelten.
»Wann kommen denn wieder welche aus, Lottchen?« rief sie ungeduldig und lief von einem Brütkorbe zum andern.
»In den nächsten Tagen, hoffe ich,« sagte Charlotte, »sie sitzen fast alle schon drei Wochen.«
»Was, so lange muß solch arme Henne sitzen?« rief Frida, die Hände zusammenschlagend. »Das ist ja ganz schrecklich! Muß die sich langweilen!«