Charlotte lachte herzlich. »Ja, und denke nur, das arme Thier frißt und säuft nicht einmal zu ihrer Unterhaltung, während sie brütet. Früh Morgens kommt sie vom Nest herunter und frißt sich satt, und dann fastet sie den ganzen übrigen Tag. Es ist keine Kleinigkeit für eine gute Glucke, ihre Eierchen sich auszubrüten.«

Frida blickte ordentlich mit Respect nach den treuen, pflichteifrigen Hennen — der Hühnerstall hatte ihr Herz gewonnen. Das war der erste Schritt zu ihrer Aussöhnung mit dem ihr so schrecklich erscheinenden Landleben, und täglich folgte sie Charlotten oder Tante Marie zu dem Federvieh, dessen Leben und Treiben ihr bald ganz bekannt war, und das sie mit regstem Interesse verfolgte. Die jungen, frisch aus dem Ei gekommenen Kükel aus dem Federtopf zu nehmen, sie dann auf den Tisch zu setzen und mit klein gehacktem Ei oder Hirse zu füttern, war ihre liebste Unterhaltung. Wenn dann die täppischen, kleinen Wesen ungeschickt über einander kugelten und vorn überfallend das Gleichgewicht verloren, sobald sie die Körnchen aufpicken wollten, dann jubelte Frida laut auf vor Vergnügen und konnte sich keine hübschere Unterhaltung denken. Und um Hühner- oder Enteneier zu suchen und einzusammeln, scheute sie bald keinen Stallgeruch und keine unsauberen Winkel mehr; ja selbst enge Treppen und Leitern kletterte sie eifrig hinauf, wenn sie irgend ein Huhn dort gackern hörte und es in Verdacht hatte, seine Eier verschleppt zu haben.

»Unser Fridchen wird noch eine ganz leidenschaftliche Landwirthin werden, gebt Acht!« rief Onkel Bremer oft vergnügt, wenn er die hübsche Nichte in ihrem Eifer beobachtete, und Tante Marie behauptete ganz ernsthaft, noch nie solch reichen Eiersegen gehabt zu haben, als seitdem Frida die Hühner unter ihren Schutz genommen; sie besitze gewiß ein Geheimmittel, womit sie die Hühner bezaubere.

Onkel und Tante waren überhaupt von einer Güte und Herzlichkeit gegen das verwöhnte Nichtchen, daß diese es nicht besser hätte wünschen können. Alle die kleinen Thorheiten des jungen Mädchens, das sich für etwas Besseres hielt und Hochmuth und Eitelkeit in Fülle kund gab, wurden von Allen im Hause ohne Empfindlichkeit und Verdruß hingenommen. An den einfachen, frischen Naturen Charlottens und Hannchens glitten Frida's Unliebenswürdigkeiten völlig ab, und bereitwillig spendeten sie der Cousine den Weihrauch, den diese beanspruchte, und bewunderten deren Talente und Kenntnisse, welche die ihren weit übertrafen. Aber wäre Frida weniger von sich eingenommen gewesen, sie hätte schon in den ersten Tagen ihres Landaufenthalts erkannt, was sie später recht wohl einsah: daß sie selbst trotz ihrer glänzenden Eigenschaften an wahrhaft innerer Bildung diesen ihren beiden Cousinen gar sehr nachstand. Je länger sie unter diesen Verwandten lebte, desto mehr dämmerte in ihrem Herzen diese Einsicht empor. Bald empfand sie, wie lächerlich und thöricht es sei, daß sie sich besser dünkte als Alle, und bald fing sie an, bescheidner aufzutreten und sich dem schlichten Wesen ihrer Umgebung mehr anzupassen, der alles fremd war, was Ueberhebung und Eitelkeit hieß. Wußten und verstanden doch ihre einfachen Cousinen tausend Dinge, von denen die kleine Stadtdame keine Idee hatte! Und wie fleißig waren sie und wie pflichttreu, was schafften diese Mädchen alles den Tag über, und wie nützlich waren sie dem Hauswesen, während sie selbst die Hände in den Schooß legte, oder ein Bischen las, schrieb oder musicirte, Dinge, mit denen sie nur sich selbst Nutzen brachte. In diesem Hause vergrub niemand das ihm anvertraute Pfund, sondern ein Jeder verwandte die ihm von Gott gegebenen Kräfte zum Wohle des Ganzen, still, anspruchslos und bescheiden, als etwas, das sich ganz von selbst verstand. Was war und wirkte sie dagegen, die sich so vortrefflich und so hoch über diesen Mädchen stehend erschien? Was hatte sie ihrem vereinsamten Vater, was ihren kleinen Geschwistern genützt, was dem Hause und allem, das ihr anvertraut gewesen? Hatte sie nicht immer nur an sich selbst und an ihr Behagen gedacht? Waren die Pflichten, die freilich allzufrüh auf ihre Schultern gelegt wurden, ihr nicht unerträglich gewesen, und hatte sie sich denselben nicht stets entzogen, so viel sie nur immer konnte? Ach sie mochte gar nicht daran denken, in welchem Zustande alles gewesen war, als ihr Vater die Stiefmutter in das Haus führte, — was mußte diese von ihr gedacht haben? Und doch, welche Güte, welche Nachsicht hatte Gertrud ihr entgegengebracht; wie hatte sie stets alles zum Besten gekehrt, was Frida Thörichtes gethan, und wie hatte sie ihr diese Liebe gelohnt? — Immer und immer kamen Frida solche Gedanken, wenn sie die thätigen, liebreichen und demüthigen Menschen beobachtete, von denen sie hier umgeben war. O es sollte anders werden! Auch sie wollte brav und tüchtig und ein brauchbares Glied ihres Hauses sein, wenn sie erst wieder bei den Eltern war, und Gertrud sollte sehen, daß sie auch gut und liebenswürdig sein könnte und dankbar für die ihr erwiesene Liebe.

So übte schon in kurzer Zeit der Segen eines harmonisch schönen, thätigen Familienlebens seinen wohlthätigen Einfluß auf das junge Mädchen aus, und mit Freuden bemerkten ihre Eltern diesen Wechsel, welcher mehr und mehr in den Briefen erkennbar wurde, die Frida in die Heimath sandte. »Laßt mich ja noch eine Weile hier, ich muß noch so viel lernen und es gefällt mir so gut!« so schrieb sie schon nach einigen Wochen nach Hause, und nur zu gern kamen die Eltern diesem Wunsche entgegen.

Und zu lernen hatte Frida allerdings noch so viel in dieser ihr völlig fremden Welt, daß sie noch Jahre hätte da bleiben können. Alles war ihr neu und unbekannt, die kleinen Kinder des Hauses wußten zehn Mal mehr Bescheid als sie, und ihre Unwissenheit, die sie stets offen bekannte, war häufig die Veranlassung zu großer Heiterkeit.

»Marie, kannst du ein Paar schöne Enten gebrauchen, die der Förster geschossen hat?« fragte Onkel Bremer eines Tages seine Frau.

»Geschossen?« rief Frida erstaunt, »warum schießt er denn die Enten vom Hofe weg, Onkel? Das kann er doch bequemer haben.«

Ein schallendes Gelächter vom Onkel war die Antwort; Frida meinte, der Förster habe nicht wilde Enten geschossen, sondern die zahmen des Hofes. Sie hatte in der Stadt ja nie andere gesehen und ebensowenig gegessen.

»O welch eine Menge schöner blauer Blumen!« rief Frida dann wieder, als sie an einem Flachsfelde vorbeiging und war höchst erstaunt, als sie erfuhr, daß ihr Leinenzeug eines Tages in Gestalt ebensolch blauer Blümchen auf dem Felde gestanden habe. Natürlich hatte sie auch keine Idee davon, wie die einzelnen Getreidesorten hießen, welche auf den Feldern standen, und der Onkel, der mit Leib und Seele Landwirth war, entsetzte sich vollständig, wenn Frida einen Spaziergang mit ihm machte, und den schönen Hafer bewunderte, wo sie Gerste vor sich sah, oder ein Roggenfeld für Weizen erklärte, und über die Unmasse schöner Kornblumen und Kornraden jubelte, welche unter dem Getreide standen und den Aerger des Landwirthes ausmachten. Von der Existenz und Anwendung landwirthschaftlicher Geräthschaften hatte sie ebenfalls keine Vorstellung. Eine Egge war für sie ein vollständiges Räthsel, und wie man eigentlich mit einem Pfluge arbeite, war ihr bisher auch noch ein Geheimniß gewesen. Als man Klee schnitt zum Futter für das Vieh, fragte sie ganz erstaunt, warum man die Thiere nicht lieber gleich in das Kleefeld trieb, damit sie sich da satt fressen, es sei doch viel einfacher; und verwundert sah sie zu, wie man den schmutzigen Dünger der Ställe sorgfältig aufbewahrte, statt das häßliche Zeug fortzuwerfen, da es so garstig roch. Das Waschen der Schafe vor der Schur erregte ihr höchstes Erstaunen, das Scheeren selbst aber konnte sie vor Mitleid mit den armen Thieren gar nicht mit ansehen.