In ganz entschiedener Feindschaft aber lebte sie tagtäglich mit dem Rindvieh, das ihr gleich in den ersten Tagen solche Furcht erregte, und doch war es an jenem Tage im Stalle angebunden. Welcher Schrecken aber war es für das arme Stadtkind, wenn sie mitten durch eine Wiese schreiten mußte, auf der Kühe und Ochsen frei weideten. Allein und ohne ihre Cousinen hätte sie es nie gewagt; aber auch in Begleitung richtete sie verzweifelte Blicke auf die gehörnten Ungeheuer, welche gar nicht daran dachten, sie zu belästigen, sondern ruhig grasend die dicken Köpfe auf und ab senkten. Wenn am Abend die Heerden in das Dorf hereinzogen, ein wahres Fest für die ganze Dorfjugend, da flüchtete Frida gewöhnlich furchtsam in's Innere des Hauses, damit nur ja keiner ihrer persönlichen Feinde etwa einen Angriff auf sie wagte. Alle Neckereien des Onkels und der Cousinen, aller Spott des ungalanten Hermann, nichts konnte sie bewegen, ihre Furcht abzulegen, und als sie nun gar einmal die Bekanntschaft eines Stieres gemacht hatte, der seiner Heerde dumpf brüllend vorauf schritt, den mächtig breiten Kopf tief zur Erde gesenkt, und mit den blutunterlaufenen Augen böse und drohend zur Seite blickend, da war es vollends aus mit ihrer Herzhaftigkeit. Sie behauptete, lieber einem Löwen allein im Felde begegnen zu wollen, als solchem Ungeheuer, und der kleine Hirtenbube, der dies furchtbare Geschöpf mit seinem langen Stock regierte, war für sie ein größerer Held, als Blücher oder Ziethen.

Der Onkel nahm Frida häufig mit sich hinaus auf's Feld oder in Wald und Wiese, um ihre bodenlose Unkenntniß in allen landwirthschaftlichen Dingen einigermaßen zu heben. Da lernte sie denn nach und nach nicht nur die Früchte des Feldes, dessen Art der Bestellung und dergleichen mehr kennen, wovon ein Stadtkind in seinem Häusermeer keine Ahnung bekommt, sondern bald auch die einzelnen Bäume des Waldes, die Stimmen und die Gestalt der Vögel, die Insecten und Würmchen, welche Wald und Wiese beleben, und alle die tausend herrlichen Einzelheiten, welche sich dem beobachtenden Auge so unendlich mannigfaltig darstellen und den Genuß und die Freude an der schönen Gotteswelt erst ganz und voll machen. Es war ordentlich, als ob Frida jetzt erst recht sehen lernte, und der Onkel war ein trefflicher Lehrer, der mit Liebe und Sorgfalt beobachtete. Die Natur war seine Freundin gewesen von Kindheit an, und wenn er einerseits als tüchtiger Landwirth sich ihr praktisch in Dienst gestellt hatte, so versäumte er darüber doch nicht, auch für ihre schönen und idealen Seiten das Auge offen zu halten. Besonders für den Wald gewann Frida eine immer größere Vorliebe, je mehr sie an der Bildung von Stamm und Blättern die einzelnen Bäume von einander unterscheiden lernte. Buche und Eiche, Birke und Pappel, Erle und Esche, das alles waren für Frida bisher Bäume, von denen sie freilich gehört, und die sie auch wohl gesehen und gezeichnet hatte, die rechte Gestalt und Eigenthümlichkeit aber eines jeden Baumes, und wodurch man ihn schon von fern erkennen konnte, das lernte sie jetzt erst. Ihr Tannenbaum am Weihnachtsabend, der, wie sie jetzt lernte, eine Rothtanne oder Fichte war; da seine Nadeln nicht nach den Seiten, sondern rund um den Zweig herum standen, dieser war ihr fast allein der Bote aus dem fernen Walde gewesen. Wenn Frida sonst ja einmal in Gesellschaft ihrer Freundinnen eine Spazierfahrt in der Umgegend ihrer Stadt gemacht hatte und ein Stündchen in dem dortigen, schmalen Waldstrich verweilte, so gab es dann immer so viel mit den Freundinnen zu plaudern, so große Aufmerksamkeit auf ihre elegante Toilette zu verwenden, oder zierliche Gesellschaftsspiele vorzunehmen, daß sie über diesen Dingen alles andere vergaß, und es ihr gar nicht aufgefallen war, wie schön so ein Wald doch eigentlich sei. Sie begriff jetzt nicht, wie sie in der Stadt mitten unter lauter Häusern ohne ihre lieben Bäume und Wiesen und Felder sich so wohl befinden konnte, und Charlottes Worte am ersten Abend, worin sie das Landleben als das Schönste hingestellt hatte, was sie sich denken konnte, fing jetzt an, ihr verständlich zu werden.

Bei solchen Spaziergängen, sowie bei dem Umhertreiben in Hof und Garten war Frida im steten Kampfe mit ihrer eleganten, zierlichen Toilette, welche für solches Landleben, wie sie es hier führte, vollständiger Unsinn war. An jeder Hecke blieb sie mit den dünnen Falbeln ihres Kleides hängen; jeder Busch trug ein Zeichen, wenn die elegante, junge Dame mit ihren Spitzen und Frangen und Stickereien hindurch gekrochen war, und nie kam sie nach Hause, ohne sich irgend etwas zerrissen, beschmutzt oder sonst verdorben zu haben. Die Cousinen schlüpften in ihren kurzen, einfachen Kleidern rasch und unbehindert überall durch, ohne den geringsten Schaden zu leiden, während Frida mit ihrer langen Schleppe und den dünnen, bauschigen Stoffen unsäglichen Aerger und tausend Mühe und Beschwerde hatte. Brachte sie dann solch schmutziges oder zerrissenes Kleid nach Hause, da hing sie es, wie sie immer gewöhnt war, ruhig fort, ohne daran zu denken, daß es wieder sauber und ganz werden mußte. Mit Verwunderung sah sie dann, daß Tante Marie oder eine der Cousinen sich des armen Kleidungstückes annahm und es bürstete und plättete, stopfte und nähte, bis es wieder in Ordnung war. Und nun gar die dünnen Waschkleider, die sie so gern im warmen Sommer trug! Zu Hause hatte die Wäscherin der jungen Dame solch zierlich Kunstwerk stets fix und fertig überliefert, und die Jungfer sorgte für die tägliche Herstellung des Anzuges. Hier aber waren es wieder die Hände von Tante und Cousinen, welche diese Aufgabe übernahmen und oft einen halben Vormittag damit zubrachten, eine einzige dieser luftigen Hüllen auf dem Plättbrete wieder in Stand zu setzen, und diese zierlichen Falbeln und Striche, diese Ueberwürfe und Frisuren zu plätten und zu kniffen, welche Frida oft binnen einer einzigen Stunde in unbrauchbaren Zustand versetzt hatte. Ein Gefühl von Scham, wie es das verzogne Kind nie gekannt, kam bei solchem Anblick über Frida. Sie wollte den Cousinen die Arbeit abnehmen; aber sie hatte ja keine Ahnung weder vom Waschen, noch Plätten, noch sonst einer der häuslichen Arbeiten, in denen diese jungen Mädchen Meisterinnen waren. Bei Frida's Entschuldigungen lachten sie und behaupteten, es sei ein großes Vergnügen, solche allerliebste Sachen unter den Händen zu haben, so gut sei es ihnen noch niemals geworden. Aber jetzt wünschte Frida nichts sehnlicher, als einfache, derbe Kleidung, mit der sie unbehindert umherlaufen konnte, ohne ihrer Umgebung so viel unnütze Arbeit zu bereiten. Eines Morgens hatte sie einen ganzen Koffer mit ihren unpraktischen, eleganten Kleidern gefüllt und bat den Onkel, den nach Hause zu senden. Die Mutter aber flehte sie an, ihr so schnell als möglich einige recht einfache, derbe Kleider zu schicken, sowie auch feste Lederstiefeln; denn ihr zierliches Stadtschuhwerk sei schon nach einigen Wochen in völlig unbrauchbarem Zustande.

Und so wie Frida sich in diesen Dingen immer mehr ihrer Umgebung anpaßte, so auch in vielen andern. Manches, was ihr zu Hause als etwas Entwürdigendes erschienen war, und was man eben den Dienstboten überließ, das machte sie jetzt mit ihren eigenen, feinen Händchen selbst, ohne einen Anstoß daran zu nehmen; denn Charlotte und Hannchen, Martha und vor allem die Tante selbst, alle thaten ohne Zögern derartige Dinge. Wenn Frida sich das Kleid beschmutzt, Bänder und Haken abgerissen, oder die Schuhe bestäubt hatte, so litt sie es bald nicht mehr, daß Tante Marie Bürste oder Nadel für sie ergriff, oder Hannchen herbeieilte, die Schäden auszubessern. Fröhlich ließ sie selbst ihre Nadel durch die Stoffe fliegen und die Bürste über Schuhe und Kleider, ohne ihre Umgebung wie bisher zu bemühen, und bald fand sie auch Gefallen an allerlei häuslichen Arbeiten, in denen sie sich von den Cousinen unterweisen ließ. Zuweilen betrachtete sie dann wohl mit etwas sorglicher Miene ihre feinen Fingerchen, welche beim Kochen oder Plätten oder Früchte schälen bedenkliche Farben annahmen und rauhe Stellen zeigten. Aber lachend trösteten sie dann die Cousinen, und Frida selbst spottete endlich über ihre Eitelkeit, von der sie bisher tyrannisirt worden war, und in deren Banne sie gelegen hatte. Die Zeiten waren glücklich vorüber, in denen sie in Furcht und Angst vor der kräftigen Kost des Hauses gelebt hatte. Jetzt dachte sie nicht mehr daran, ob sie auch von den nahrhaften Gerichten, unter denen die Tische seufzten, wohl eine plumpe Taille oder zu gesunde Farben erhalten könne; ob auch ihre Hände verbrennen oder der Taint verderben werde, wenn sie ohne Handschuh hinauslief und sogar oft den schützenden Hut verschmähte. Tante Marie mußte sie jetzt sogar manchmal daran erinnern, sich der Sonne doch nicht zu sehr auszusetzen; denn Frida selbst vergaß häufig solche Sorgen, wenn sie sich auf der Wiese im frischen Heu lagerte, oder im Walde auf weichem Moosteppiche behaglich ihre Glieder streckte.

»Papa wird mich gar nicht wieder erkennen!« rief sie oft lachend, wenn sie ihr frisches Gesicht im Spiegel sah, das jetzt seine kränkliche Blässe und die bläulichen Ringe unter den Augen verloren hatte. Was aber ihre zierlichen Freundinnen dazu sagen, und ob sie vielleicht die Näschen über die einst so elegante Frida rümpfen würden, wenn sie zurück kam, kräftig und blühend wie eine volle, rothe Rose, das kümmerte das junge Mädchen wenig mehr; denn von diesen Thorheiten war sie so ziemlich geheilt. Auch überflüssig fühlte sie sich jetzt nicht mehr im Hause, wie im Anfange; denn sie half, wo sie konnte: bald in Küche und Garten, bald in der Schul- oder Kinderstube, wie sie es von ihren Cousinen sah, und der Segen der Arbeit machte ihr Gemüth heiter und sorglos. Ist man ja doch nie glücklicher, als wenn man mit sich selbst zufrieden sein kann, und das konnte Frida jetzt wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Eine große Befriedigung gewährte es ihr, daß sie Martha einigen Unterricht ertheilen konnte. Dies strebsame, junge Mädchen hatte große Lust am Lernen und doch im Dorfe selbst nicht viel Gelegenheit, und so unterrichtete Frida sie in neueren Sprachen, Musik und Zeichnen, worin diese vortreffliche Unterweisung erhalten hatte. Auch Hannchen und Charlotte nahmen Theil an diesem Unterricht, so viel ihre Zeit es eben erlaubte, und besonders die Musik vertrieb ihnen gemeinsam manche Stunde; denn die jungen Mädchen hatten helle, frische Stimmen, welche sich unter Frida's Anleitung ganz allerliebst entwickelten.

So lebte Frida behaglich, fleißig und glücklich von Tag zu Tage und von Woche zu Woche, und je länger sie hier im Hause verweilte, desto lieber war sie dort. Die große Welt, in die sie wieder eintreten sollte, kehrte sie nach Hause zurück, und von der sie mit so schwerem Seufzer geschieden, sie hatte kaum halb noch den Reiz, den sie früher auf das Gemüth Frida's ausgeübt, und wirkliche Sehnsucht fühlte sie nur oft nach ihrem Vater und den Geschwistern, ja, sie gestand es sich kaum selbst, auch nach Gertrud. Nach ihr freilich mit dem immer lebhafteren Wunsche, wieder gut zu machen, was sie einst Thörichtes gethan, und zu zeigen, daß sie auch brav und gut sein könne und nicht nur das eitle, hochfahrende Mädchen von ehemals.

Im Laufe der Zeit hatte Frida auch die andern Familien kennen gelernt, welche den Umgang der Familie Bremer bildeten, und wir kehren noch einmal zu den ersten Tagen zurück, welche Frida im Hause des Onkels verlebte und treten mit ihr in diesen Freundeskreis ein. Eines Morgens erschien in dem Wohnzimmer eine große, mächtige Männergestalt, deren frisches Gesicht von dichtem, weißen Haar umgeben war, und den man als den Herrn Pastor äußerst freudig begrüßte. Die kleinen Kinder hingen sich an seine langen Rockschöße, Hannchen schob ihm gleich Vaters großen Lehnstuhl herbei, und Onkel Bremer schüttelte ihm so gewaltig die große, breite Hand, daß sie ordentlich in ihren Gelenken krachte. Pastor Werder hatte ein breites, offnes Gesicht mit freundlichen, grauen Augen, und seine Art und Weise war so fröhlich, und mit jedem hatte er so viel Scherz und Neckereien, daß Frida ganz verwundert drein schaute; einen Landprediger hatte sie sich so ganz anders vorgestellt. Auch mit ihr fing er gleich ein heitres Gespräch an, und war so zutraulich und herzlich, als kenne er das junge Mädchen schon seit Jahren.

»Nun, Kinderchen,« sagte er dann zu Hannchen und Charlotte, »Sonntag Nachmittag kommt mein Justus, da bitte ich mir aus, daß ihr euch hübsch macht und die Pfarre von oben bis unten umkehrt. Mein Lenchen hat schon alle Blumen im Garten zu riesigen Sträußen und Kränzen gebunden, und die Mutter eine Unmasse Kuchen gebacken, alle Tische liegen voll davon. Meine morgende Predigt rettete ich gerade vom Untergange, als sie eben zu Butterpapier benutzt und unter einen prächtigen Zuckerkuchen gebreitet werden sollte. Ich glaube, der Just bringt seine beiden Zöglinge und einen Freund mit, da soll's um so vergnügter werden. Ich denke ja, die Hermsbacher werden auch alle kommen und wohl noch der oder jener aus der Nachbarschaft. Da sieht unser schönes, kleines Mamsellchen hier doch auch einmal, daß man auf dem Dorfe vergnügt sein kann; denn Kinder, das bitte ich mir aus, bringt euch alle Taschen voll Fröhlichkeit mit zur Pfarre.«