Diese Nachricht erregte große Freude. Justus war ebensosehr der Liebling aller, wie es sein Vater war, und ein Nachmittag im Pastorhause schien für jedermann ein Fest zu sein. Ein Sonntag auf dem Dorfe hat etwas gar Feierliches und Stilles, und als Frida am Vormittage ihre Cousinen und Onkel und Tante in die Kirche begleitete, stimmte die ganze Umgebung sie so festlich, wie es ihr an den Sonntagen im Vaterhause nie geschehen. Sie war ganz erstaunt, von dem alten, fröhlichen Geistlichen nun eine so gehaltvolle, schöne Predigt zu hören, welche tief zum Herzen sprach. Auch bemerkte sie, mit welch großer Andacht und Innigkeit die bäuerliche Gemeinde zu ihrem weißhaarigen Prediger emporblickte, und wie er von Jung und Alt geliebt und geehrt wurde. In der Stadt war Frida keine sehr eifrige Kirchgängerin gewesen; nur die Zeit ihrer Einsegnung machte eine Ausnahme. Aber auch von dieser schönen Zeit ward ein großer Theil durch Eitelkeiten und Thorheiten ausgefüllt, wie sie nur in so jungen Mädchenköpfen hausen können, denen keine ernste, liebevolle Mutter oder Freundin zur Seite steht, welche die Schlacken von dem edlen Metall sondert, das gerade in diesen ernsten Zeiten in die empfänglichen jungen Gemüther gelegt wird. Frida hatte eben niemand zur Seite, und so dachte sie bei den Vorbereitungen zu ihrer Confirmation eben so viel an den modernen Schnitt ihres neuen Kleides, an den schönen Schmuck und den Sammetpaletot, den Papa ihr geschenkt, und der die ihrer Freundinnen an Eleganz noch übertraf, als an die ernste, schöne Feier selbst. Diese bewegte dann ihr empfängliches Gemüth nichts desto weniger tief und innig und rief eine Fülle edler und guter Gedanken und Vorsätze in ihrer Seele wach. Kaum aber war diese ernste Zeit vorüber, so schlugen die Wellen des täglichen Lebens über ihrem Kopfe wieder zusammen; Rührung und gute Vorsätze klangen nur noch in leisen Accorden zu ihr herüber, und ohne gerade tadelnswerther zu sein, als hundert Andere ihres Alters, konnte man Frida doch durchaus kein musterhaftes junges Mädchen nennen. Aber als sie jetzt hier in der stillen Dorfkirche den Worten des alten Geistlichen lauschte, da zogen diese ernsten Gedanken auf's Neue durch ihre Seele. Eine Ahnung von dem, was ihr bisher gefehlt, schlich sich leise und unmerkbar in ihre Brust, und als sie die frommen, seelenvollen Blicke sah, mit denen ihre Cousinen an dem Antlitz ihres Seelsorgers hingen, da wußte sie, daß in diesen Gemüthern anderer Ernst und andere Frömmigkeit lebte, als jemals in ihrem eigenen. Aber noch lagen Herz und Sinn zu sehr in den Banden ihres bisherigen Lebens gefangen; noch mancher Tag gehörte dazu, ehe diese Einsicht ganz und voll in ihr wurde und noch manche Stunde stiller Andacht zu den Füßen des würdigen Geistlichen. Aber sie kam doch, und mit ihr eine Demuth und Bescheidenheit, wie man sie früher nie an dem jungen Mädchen gekannt hatte.
»O Tante,« sagte sie eines Tages leise, als sie neben dieser das Gotteshaus verließ, »o warum bin ich nicht früher zu euch gekommen, ich wäre ein besseres Mädchen geworden!«
Tante Marie drückte Frida's Hand voll Innigkeit und erwiederte sanft: »Zum Gutsein ist es keinen Tag zu spät, mein liebes Kind; wolle es nur ernstlich, dann kannst du's auch, dazu ist man nie zu alt.«
»Ja Tante, wenn du mir hilfst und ihr Alle!« sagte Frida bewegt. Die Tante aber nickte ihr ernst lächelnd zu, und von dem Tage an war ohne weitere Worte ein Bund zwischen Frida und der Tante geschlossen, dessen Segen dem jungen Mädchen immer fühlbarer wurde, je länger sie in diesem Hause lebte.
Aber kehren wir zu dem Feste zurück, zu dem Pastor Werder das ganze Bremer'sche Haus eingeladen hatte. Charlotte, Hannchen und Martha hatten sich »hübsch« gemacht, wie der Gastgeber es sich ausgebeten, das heißt, sie hatten saubere, helle Battistkleider angelegt, jedoch keinen anderen Schmuck, als den ihrer frischen, rothen Wangen und ihres sorglich gescheitelten Haares. Frida blickte betroffen auf diese so unendlich einfachen Toiletten. Sie selbst hatte einen ihrer elegantesten Anzüge gewählt, wie sie es bei festlichen Gelegenheiten zu thun pflegte. Nun aber kam sie sich höchst unpassend gekleidet vor, und sie wollte das kostbare Gewand wieder in den Kasten werfen. Die Cousinen jedoch litten das nicht, fanden sie allerliebst und behaupteten, Onkel Pastor sehe elegante Damen sehr gern. Da suchte Frida denn rasch aus der Ueberfülle von Bändern, Spitzen und Schleifen einige prächtige, farbige Schärpen aus, welche sie Hannchen und Lottchen um die Taille schlang; Martha steckte sie eine schöne Schleife vor die Brust, und die Cousinen mochten wollen oder nicht, sie mußten sich so schmücken lassen. Frida jubelte über ihren Einfall, und fröhlich zog die ganze Gesellschaft endlich dem Pfarrhause zu.
Dies war ein großes, altes Gebäude mit weiten, etwas dunklen Räumen, durch dicht herumstehende Bäume noch düstrer gemacht. Aber Thüren und Fenster waren mit Blumen geschmückt, und auf der steinernen Außentreppe stand Pastor Werder mit den Seinen zum Empfang der Gäste. Die Pastorin, eine rasche, rüstige Frau mit lebhaften, dunklen Augen, lief den Ankommenden, ihre kleine Tochter Gretchen an der Hand, ungeduldig ein Stück entgegen, und ihr folgte die zierliche Gestalt ihrer älteren Tochter Helene, ein auffallend zartes, liebliches Mädchen mit vollem, dunklen Haar und schwärmerischen, braunen Augen. An der Seite des Pastors aber stand sein einziger Sohn, groß und schön und stattlich wie er selbst, nur daß die lang herabfallenden Locken des jungen Mannes von schöner hellbrauner Färbung und die Züge des Gesichtes frisch und jugendlich waren. Zwei Knaben von 13 und 14 Jahren, die Zöglinge Justus Werder's, und sein Freund, ein junger Arzt, begrüßten mit ihnen die Ankommenden als liebe, alte Freunde. Kaum aber hatte man sich die Hände geschüttelt und das Haus betreten, da rollte ein Wagen vor.
»Das sind die Hermsbacher!« tönte es fröhlich, und abermals öffnete sich die gastliche Pforte. Herr und Frau von Helldorf, ein freundliches, behagliches Ehepaar, wurde im Triumph hereingeführt, und mit ihnen kam Sophie, des Gutsherrn Nichte, ein großes, blondes, aber sehr unscheinbares Mädchen. Ihnen folgten zwei junge Männer, sehr verschieden in ihrer Erscheinung. Walter, der Sohn des Gutsherrn, war stämmig und kräftig gebaut, und sein Gesicht trug den Stempel großer Güte und Milde; aber etwas Schüchternes, ja Linkisches that seiner sonst angenehmen Erscheinung einigen Abbruch. Sein Begleiter jedoch, der sich seit Kurzem als Volontair auf dem Gute aufhielt, besaß alle die Eigenschaften, welche einen jungen Mann zu einer hervortretend gewinnenden Erscheinung machen. Elegant in Manieren und Kleidung, schön an Gesicht und Gestalt, und angenehm in der Art und Weise zu sprechen und sich zu bewegen, machte er auf Jedermann einen äußerst günstigen Eindruck.
Frida hatte mit stiller Verwunderung ihre Blicke in dem Kreise umhergeschickt, in dem sie sich hier befand; denn diese biedre, ja derbe Art und Weise, mit welcher die Freunde hier mit einander verkehrten, war für die feine, junge Dame etwas völlig Neues. Sie verglich soeben im Stillen diese derbe Redeweise, welche häufig mit plattdeutschen Worten vermischt war, und dies Händeschütteln und laute, ungenirte Wesen der Gäste mit den graziösen, feinen Formen der eleganten Welt, in der sie sich bis jetzt bewegt hatte. Da trat sie aus dem Nebenzimmer, in das sie für einige Augenblicke gegangen, wieder zu der Gesellschaft, und ihre Blicke fielen jetzt auf den jungen Volontair, welcher von den breiten, mecklenburger Schultern der andern Herren für sie bisher verdeckt worden war.
Ein leiser Ausruf der Verwunderung entschlüpfte bei diesem Anblick ihren Lippen; tiefe Röthe überzog ihr Gesicht, und unwillkürlich trat sie einige Schritte vor. Herr von Gablenz, wie dieser junge Mann genannt wurde, war in seiner leichten, gewandten Manier von Einem zum Andern geschritten, indem er jeder der älteren Damen etwas Verbindliches sagte und sich soeben in sehr sichrer, anmuthiger Haltung dem Kreise der jungen Mädchen näherte, sein krauses, dunkles Bärtchen mit leisem Lächeln über den Finger drehend. Da erblickte er Frida. Höchstes Erstaunen in den Zügen hemmte er plötzlich den leichten Schritt, und etwas wie Schrecken oder Verdruß beschattete für einen Augenblick seine Züge. Aber auch nur für einen Augenblick. Im nächsten schon blitzte sein dunkles Auge hell auf, und das beglückteste Lächeln auf der Lippe trat er mit freudigem Gruß auf das junge Mädchen zu, das ihm zum Willkommen die Hand entgegenstreckte.