»Aber warum denn in aller Welt, Hannchen? Was giebt dir denn nur Grund zu solcher Härte und solchem Mißtrauen?« rief Frida bebend; denn sie konnte ihren Zorn und ihre Aufregung kaum verbergen, den Mann von Hannchen schmähen zu hören, den sie so verehrte und liebte.

»Er ist glatt wie ein Aal,« sagte diese achselzuckend. »Er entschlüpft jedem ernsteren Gespräch, wie ich von den Herren gehört habe, und da er allen jungen Mädchen so übertrieben den Hof macht, meint er es mit keiner ernst. So etwas mag für die große Welt passen, für unser stilles Dorf paßt es nicht. Es geht das Gerücht, er werde Sophie Helldorf heirathen. Ich glaube es nicht. Aber wenn er es thun will, so kann er es nur wegen ihres Reichthums wünschen; denn ein so eleganter Herr wird sich nicht gerade die Unscheinbarste aussuchen; ihren hohen, innern Werth kennt er schwerlich. Sophie wäre eine große Thörin, wenn sie seine Werbung annähme. Gott mag wissen, wie es möglich ist, aber er hat es ihr mit seinem glatten Wesen angethan, wie auch der schwärmerischen Helene, ich habe es wohl gemerkt. Dich freilich ficht ein derartiges einschmeichelndes Wesen nicht an, Frida, du bist von zu Haus daran gewöhnt und weißt, daß nicht viel auf dergleichen zu geben ist. Bei uns schlichten Dorfkindern aber ist das anders. Helene und Sophie nehmen alle die schönen Reden als baare Münze und lassen sich den Kopf damit verdrehen. Warnen oder Schelten hilft nichts, sie sind wie bezaubert.«

Frida hatte stumm zugehört, denn jede Aeußerung würde sie verrathen haben. Aber ihr Herz klopfte so ungestüm, daß sie kaum athmen konnte. Jetzt stand sie rasch auf und sagte: »Du bist härter, als ich dich noch je gesehen habe, Hannchen. Aber ich will mich darüber nicht mit dir streiten. Ich glaube, wir müssen jetzt zum Abendbrod, es ist spät geworden. Was unser voriges Gespräch betrifft, Lottchen und Walter angehend, so verspreche ich dir, du sollst mit mir zufrieden sein, ich werde an deine Mahnung denken.«

Dann gingen die beiden jungen Mädchen schnell dem Hause zu. Aber ein unruhiges, gespanntes Wesen war seit diesem Gespräche über Frida gekommen. Hannchens klares, nüchternes Urtheil hatte sie aufmerksamer auf das Benehmen ihres Verehrers gemacht, und sie konnte ihrer Cousine in einigen Punkten nicht Unrecht geben. Vor allem aber beunruhigte sie das Gerücht, Gablenz werde Sophie von Helldorf heirathen und zwar um ihres Reichthums willen. Sie warf den Gedanken als abscheulich und unwürdig weit von sich; aber doch kam er immer von Neuem wieder in ihren Sinn und quälte sie unaussprechlich. Sie mußte wissen, ob auch nur der Schatten von Wahrheit an dem Gerücht war, und nur von Sophie allein konnte sie etwas darüber erfahren. Sie überwand deshalb ihre innere Abneigung und Eifersucht und suchte häufiger mit dem jungen Mädchen zusammenzutreffen.

Sophie von Helldorf war erst seit einiger Zeit im Hause ihres Onkels, der dem verwaisten Mädchen eine neue Heimath in seiner Familie gegeben, und ihre Unbekanntschaft mit den Freunden ihrer Verwandten sowohl, als auch etwas Scheues und Steifes in ihrem Benehmen, hatten sie bisher den andern jungen Mädchen etwas fern gehalten. Obwohl sie in ihrer äußeren Erscheinung unbehülflich und ungraziös erschien, so war der Kern ihres Wesens doch durchaus trefflich und edel, und bei einer äußerst abgeschlossenen Erziehung hatte sie eine sorgfältige innere Ausbildung erhalten. Obwohl sonst schüchtern und ängstlich, zeigte sie bei Gelegenheit ein entschlossenes, festes Wesen, das gar wohl seinen eigenen Weg zu finden wußte.

Bisher hatte sie ein ganz zurückgezogenes Leben geführt, durch die Krankheit ihres Vaters bedingt. Nach dessen Tode trat sie als Erbin eines großen Vermögens in des Onkels Haus und fing erst hier an, ihrer Jugend froh zu werden. Die Huldigungen, welche der einnehmende Herr von Gablenz ihr widmete, umstrickten ihr unerfahrnes Herz mächtig, waren es doch die ersten, welche ihr überhaupt je im Leben dargebracht wurden. Der Wunsch, die Seine zu werden, befestigte sich mehr und mehr in ihr trotz des Widerstrebens ihrer Angehörigen, welche dem gewandten, jungen Weltmanne nicht sehr günstig waren und gar wohl ahnten, was denselben so schnell und mächtig an das unscheinbare Mädchen fesselte.

Frida hatte es bald verstanden, sich das Vertrauen Sophie's zu erwerben, und allerlei gemeinsame Interessen verknüpften sie mehr und mehr. Lange Zeit aber, so oft auch Frida das Gespräch auf Herrn von Gablenz brachte, wurde Sophie ernst und einsilbig; denn eine stille Eifersucht, welche immer wieder lebendig wurde, sobald Sophie Herrn von Gablenz in Frida's Gesellschaft sah, schloß dieser gerade Frida gegenüber die Lippen doppelt fest.

Der Sommer war mit seinen warmen Tagen in das Land gezogen und hatte die Früchte der Felder in so reicher Fülle gereift, daß man einer gesegneten Ernte entgegenging. Diese für den Landmann so wichtige und bewegte Zeit brachte denn unendlich viel neues und reges Leben mit sich, und Frida griff wacker mit in das Räderwerk ein, das jetzt doppelte Geschäftigkeit und Arbeit für alle Hausbewohner brachte. Dies rege Treiben und diese Arbeit vom frühen Morgen bis zum späten Abend ward gerade jetzt zum unendlichen Segen für Frida. Es war unmöglich, den Tag über den eignen Gedanken nachzuhängen, oder über Dinge still zu grübeln, welche das Herz bewegten; denn unter doppelter Fröhlichkeit schaffte und wirkte jedermann von früh bis spät zum Wohle des Ganzen, und Abends war Frida so müde und erschöpft von der ungewohnten Thätigkeit, daß sie sogleich von den Armen des Schlafes umschlungen und in dessen stilles Reich getragen wurde, sobald sie nur die Augen geschlossen hatte.

Der Ernte folgte alsdann in den verschiedenen Dorfschaften die fröhliche Kirchweih, und es war eine alte Sitte, daß die Nachbarschaft zur Feier dieser Feste einander besuchte. Da gab es denn ein munteres Treiben bald in Dahme, bald in Hermsbach oder einigen anderen befreundeten Nachbardörfern, und die jungen Mädchen hatten nicht mit Unrecht Frida gleich am ersten Abend von dieser fröhlichen Zeit, als der schönsten des ganzen Jahres, erzählt. Tanz und Jubel und fröhliche Spiele vereinigten Jung und Alt unter den weiten Lauben, die überall zu diesem größten Feste der Dorfbewohner errichtet wurden. Herrschaft und Gesinde verkehrte in gemüthlicher, ungebundener Weise mit einander, und wenn sich die anmuthige Frida jetzt lustig im Arme des stattlichen Großknechtes im Rundtanz drehte, so dachte sie nicht im Entferntesten mehr daran, daß sie einst solche Zumuthung als eine Beleidigung stolz von sich gewiesen hatte.

Seit Frida's geheimen Gesprächen mit ihren beiden Cousinen in jener fernen Laube des Gartens achtete das junge Mädchen fast mit Aengstlichkeit darauf, ihr Benehmen zu ändern und besonders gegen die jungen Herren vorsichtiger und zurückhaltender zu sein, als sie es bisher gewesen. Einestheils wurde sie hierzu durch den Wunsch bestimmt, sowohl Justus als Walter ihren Cousinen weniger zu entziehen; anderentheils aber war es Charlottens leise Mißbilligung ihres zu freien Benehmens, was sie beeinflußte; denn bei ihrer wachsenden Liebe und Achtung für ihre Cousinen hatte auch deren Urtheil einen größeren Einfluß auf Frida, als ehemals aller Tadel und alle Vorstellungen von Seiten ihres Vaters oder ihrer Stiefmutter. In dem stillen Wunsche, Hannchens und Lottchens Glück ihrerseits möglichst zu fördern, gelang es ihr zwar häufig, Walter und Justus an die Seite ihrer Cousinen zu führen; aber ihrer Ungeduld gingen die Sachen viel zu langsam. Freilich waren Hannchen und Charlotte auch von einer peinlichen Zurückhaltung, und um keinen Preis hätten sie ahnen lassen, was ihr Herz bewegte. Aber eben so wenig verstanden es auch ihre gar steifen, schwerfälligen Verehrer, die Gelegenheit beim Schopf zu erfassen, um den Sternen näher zu kommen, die augenscheinlich das Ziel ihrer Wünsche bildeten.