Aber als die Mula dann auch noch in einer langgestreckten sandigen Mulde einmal bis zum Gurt in Schlamm einbrach und ich sie nur durch raschestes Abspringen wieder herausbrachte, wurde ich vorsichtiger: ich suchte die Spur, bis ich sie fand, und hielt mich von da an ängstlich an die wenigen Merkmale zwischen den Steinen: ab und zu die Spur eines Hufeisens oder eines nackten Fußes. Da aber auch Wind und Wasser stellenweise sonderbare Zeichen in den Sand gegraben hatten, die menschlicher oder tierischer Spur täuschend ähnlich sahen, segnete ich die Verdauung der Mulas und Esel, deren „Tierisches, allzu Tierisches“, von Zeit zu Zeit freudig begrüßt, unverkennbare Beweise bildete, daß ich mich auf dem richtigen Weg befand.

So war ich in zwölfstündigem ununterbrochenem Ritt nach Ornuni gelangt, der ersten Tagesstation, d. h. ganz Ornuni besteht nur aus einer windigen schiefen Bambushütte, in der zwei alte Indianerinnen hausen. Aber es gibt hier wenigstens frisches Wasser, ab und zu Futter und einige Bäume, die bei Unwetter bescheidenen Schutz gewähren, und so ist der Platz zum Übernachten immer noch besser als das steile, kahle, steinige Flußbett.

Am nächsten Morgen ging’s früh wieder heraus; denn die Tagesstrecke war wieder lang, und das Schwierigste stand noch bevor: die Angosturas, die Felsengen.

Das Flußbett wird enger und enger. Immer häufiger geht es in ständigem Zickzack kreuz und quer durchs Wasser. Aber der Pfad, der unter den Felsmauern hinläuft, wird immer schmaler, bis er sich völlig im Wasser verliert.

Man steht vor einem Schlund. Zwischen senkrechten Felswänden, die zum Himmel ragen, rauscht unheimlich gurgelnd und wirbelnd der Bergfluß herab. Es hilft nichts. Der Weg führt im Fluß, hinein ins Wasser.

Ich habe keine Ahnung, führt der Pfad im Wasser am rechten, am linken Ufer, in der Mitte, geht es erst links, dann rechts? Es hilft nichts... hinein!

Bis an die Bügel, bis an die Knie, bis zum halben Oberschenkel steigt die Flut. Unheimlich gurgelt und rauscht es. Mit aller Macht kämpft das Tier gegen den Strom. In Windungen führt die Klamm. Man sieht nichts als die alles einschließenden Felsmauern, und unter sich die reißende, schmutzige Flut.

So ging es hintereinander durch drei Schluchten. Dazwischen schwer passierbare Engen, wo man auf und ab über Granitblöcke und Felsgeröll klettern mußte. Kurz vor meiner Reise las ich den Roman eines bolivianischen Autors, Alcides Arguetas, in dem dieser Weg im Fluß die Hauptrolle spielt und seine Passage als gefährlichstes Abenteuer hingestellt wird. Freilich, wenn die Wasser fallen und wenn von den Felsen herunter die „Mazamorra“ hereinbricht, der gefährliche Bergrutsch, dann mag es eine verteufelte Lage sein in den Angosturas, in denen man gefangen ist wie in einem unentrinnbaren, tückischen Käfig.

Und trotzdem die Sonne schien, war auch ich im Grunde recht froh, als ich die letzte Enge passiert hatte und am Horizont des sich weitenden Tals das stark leuchtende Grün von Tirata vor mir sah, der ersten Finca am Fluß.

43. Die Seele des Indio.