La Paz.

Allerseelen. Die Glocken läuten. Übervoll sind die Kirchen. Man ist fromm und gut katholisch in Bolivien. In der Mitte auf den Bänken die Frauen und Mädchen der „Weißen“, olivbraun, im dunklen, den Kopf einhüllenden Manto, die sonst auf dem Prado flirtenden Augen auf das Gebetbuch gesenkt.

Die Orgel erklingt. In Seide und Gold eifert von der Kanzel der Priester: „Denkt der Verstorbenen, betet für ihre Seelen!“ Ja, ja, es sind die Malquis, die Toten, die wiederkommen und in ihre alten Körper schlüpfen, wenn man an sie denkt, unsichtbar zwar, aber darum nicht weniger wirklich. Sie sind mächtige Geister jetzt, die schützen und strafen können. Man darf ihrer nicht vergessen. Auch der Priester sagt es.

Es ist ein großes Fest, das für die Toten. Seit acht Tagen ist der Markt übervoll, weit über die Straßen hinaus gequollen, die er gewöhnlich füllt. Zu den Gemüsen und Früchten, die sonst feilgeboten werden, zu den Ocas, Tuntas und Chunos, zu den Bananen, Orangen und Limonen, zu den Ananas, Paltas und Datteln, zu dem Charqui, dem getrockneten Hammelfleisch, und dem Aji, dem brennend scharfen roten Pfeffer, sind noch als Votivgegenstände hinzugekommen die goldbemalten, nackten Holzpuppen, weiß natürlich, mit hellblondem Haar, Lamas und Puppen aus Teig. Vor allem aber sind Kuchen aufgebaut, über das Pflaster ausgebreitet, Kuchen in Hunderten von Arten und Formen, runde und eckige, Kringel und Brezeln. Ein europäischer Weihnachtsmarkt ist armselig dagegen.

Es wogt von roten, grünen, blauen, orangenen und violetten Ponchos und Sayas, den bunten Überwürfen der Männer und Frauen. Und die Indianer kaufen und kaufen. Der Indianer, der sonst für einen „Bob“ stundenweit die schwerste Last schleppt, der für ein Zehncentavostück als Draufgabe eine Viertelstunde lang in der demütigsten, jämmerlichsten Weise betteln und winseln kann, wirft heute mit den Fünf- und Zehnpesoscheinen nur so um sich. Er, der sonst armseliger vegetiert als ein Hund, lebt und arbeitet ja nur für seine Feste. Um wenige Tage zu schlemmen und zu prassen, darbt er ein Jahr lang.

Mit riesigen Körben kommen die Indianer und kaufen, kaufen, bis die Behälter übervoll sind und sie zu zweit, zu dritt und viert schleppen müssen. Aber man muß sich gut vorsehen. Die Toten kommen ja wieder, nehmen Gestalt an, essen und trinken mit. Sie sind tüchtige Esser und wackere Zecher, die Toten.

Wenn man feiert in Bolivien, tut man es nicht unter einer Woche. Am Tage vor Allerheiligen geht man zuerst auf den Friedhof, und erst sechs Tage danach verklingt die letzte Rohrflöte.

Natürlich ist das Fest auf dem Friedhof. Dort wohnen ja die Toten, und man muß zu ihnen kommen. Ist es entheiligend, zwischen Gräbern zu schmausen, zu zechen und zu tanzen? Ach nein, höchstens fremdartig für ungewohnte Augen; denn die Toten, der verstorbene Vater, der verschiedene Gatte, das tote Schwesterchen sitzen ja mitten darunter, essen und trinken mit, lachen, scherzen und freuen sich mit den Lebenden.